Am 3. Januar (21. Dez.) hieß es, zum ersten Male Abschied von Europa nehmen. In Southampton, das den überseeischen Weltverkehr Londons vermittelt, erwartete uns der Steamer »Arlanza«, der neueste und schönste Riesendampfer der Royal Mail Steam Packet Company, kürzer R.M.S.P. Diesem schwimmenden Koloß, der, wie sich auf den ersten Blick feststellen ließ, alle Vorzüge eines luxuriösen Weltstadt-Hotels in sich vereinigte, galt es, seine sterbliche Hülle bis Rio de Janeiro anzuvertrauen. Man tut es gerne, denn der Dampfer mit seinen sieben Etagen über dem Wasserspiegel, den zahlreichen, höchst komfortabel ausgestatteten Gesellschaftsräumen, dem pompösen Speisesaale, Turnhallen und Promenadendecks macht einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Die prächtig eingerichtete Kabine, die uns aufnahm, verhieß mit ihrem geräumigen Badezimmer und einem mechanischen Wunderwerk von Douche-Vorrichtungen, sogar für die Äquatorialzone ein erträgliches Leben. Mit einigen Handgriffen kann man so ungefähr den halben Ozean zu sich heraufpumpen, wenn es zu heiß wird. Immerhin eine erfrischende Aussicht.

Die erste Sorge, wenn man einen Dampfer zu einer 21tägigen Seereise betritt, gilt natürlich – der Seekrankheit. In diesem Fall war die Frage ganz besonders brennend, galt es doch den berüchtigten Golf von Biscaya zu durchqueren. Dieser Golf von Biscaya verursachte mir schon vor Beginn der Reise ein Gefühl, das mit Seekrankheit nahe verwandt ist. Jedermann, der von meiner Reise hörte, fühlte sich verpflichtet, die Augenbrauen bedenklich hochzuziehen und mit vielsagendem Kopfschütteln prophetisch auszurufen: »Nun, nun, aber der Golf von Biscaya!« Das taten alle, von den besten Freunden bis zum Hotelkellner in London und Gepäckträger in Southampton. Kein Wunder, daß einem dieses Schreckgespenst »Golf von Biscaya« zum Halse herauswuchs, noch bevor er in Sicht war. Zum Überfluß hatten in der Woche vor meiner Abreise drei englische Schiffe im Golf von Biscaya umkehren müssen, und ein italienisches war mit Mann und Maus untergegangen.

So erwartete ich ihn denn mit Todesverachtung – den ominösen Golf von Biscaya, zumal das Schiff im Ausgange des Kanals bedenklich zu »stampfen« anfing. Aber die Meergötter hatten Erbarmen mit mir, wahrscheinlich fanden sie mit Recht, daß ich schon vorher genug Qualen dank dem Golf von Biscaya ausgestanden hatte. Oder war es das neuerfundene »Delphinin«, das mich vor der Seekrankheit bewahrte. In dem Falle empfehle ich es allen Seereisenden aufs wärmste.

Dafür habe ich vom Golf von Biscaya einen wundervollen Natureindruck davongetragen. Merkwürdig beengt erscheint der Horizont, denn die mächtigen Wogen, die von allen Seiten heranrollen, versperren überall hin die Aussicht. Ein herrliches Farbenspiel entwickelt sich bei Sonnenschein in diesen durchsichtigen gläsernen Bergen, die bald grün, bald grau, bald bläulich-weiß schimmern, während sie bei Sonnenuntergang wie ein Gemisch von Blut und Gold erscheinen. Eine unheimliche Kraft wohnt in den Wogen des Atlantischen Ozeans. Drohend nahen sie in geschlossenen Reihen, und wenn sich ihnen ein Hindernis in Gestalt eines Dampfers in den Weg stellt, so zerschellen sie empört daran und senden ihren weißen Gischt hinauf bis aufs fünfte und sechste Deck. Ein Schiff von fast 16 000 Tons, gleich der »Arlanza«, ist ein willenloses Spielzeug ihrer drängenden Gewalt und vermag scheinbar nur mit Mühe seinen Weg durch die ihm entgegenschäumenden Fluten fortzusetzen.

Der erste Haltepunkt nach glücklicher Durchquerung des Golfes von Biscaya war der spanische Kriegshafen Vigo. Die ersten Laute, die mir in der malerischen, von sanft gewellten Gebirgszügen eingeschlossenen Bucht entgegenschlugen, waren folgende: »dawai russki moneta!« Und zwar entstieg dieser Anruf dem nimmer ruhenden Mundwerk einer spanischen Obsthändlerin, die ihr ganzes Warenlager in ein Segelboot verstaut hatte und an unseren Dampfer anlegte. Er galt, wie sich nachher herausstellte, einer Schar russischer Emigranten, die vom Hinterdeck der »Arlanza« waschechte 15- und 20-Kopekenstücke in Körben hinabließen und dagegen als Äquivalent eine geringere oder größere Anzahl von Birnen, Orangen, Feigen und anderen Früchten erhielten. Ihr verzweifelter Ruf nach »Gurken« verhallte allerdings ungehört. Diese russischen Emigranten – Sektierer aus Transkaukasien – sind ein überaus sympathischer und ernster Menschenschlag. Sie ziehen nach Montevideo in Brasilien, um dort »das Reich Gottes« aufzurichten, da sie auf das Jenseits keine Hoffnung setzen. Vielleicht werde ich noch einmal Gelegenheit haben, die tiefsinnigen moralischen und ethischen Grundsätze dieser bemerkenswerten Menschen näher zu beleuchten. In Brasilien und in Argentinien gibt es eine große Zahl russischer Sektierer-Kolonien. Die »Duchoborzy« haben es dort bekanntlich zu großem Ansehen und beträchtlichem Wohlstande gebracht.

Die »Arlanza« hielt in Vigo nur zwei Stunden. Wir, d. h. mein Reisekamerad und ich, waren die einzigen Passagiere, die in einem Dampfkutter an Land gingen, da ich einige wichtige Korrespondenzen aufzugeben hatte. Es war ein Sonntag, 3 Uhr nachmittags, und am Hafenkai, der zugleich der fashionable Boulevard des kleinen Städtchens ist, entwickelte sich ein äußerst bewegtes, buntes Leben und Treiben. Schöne Spanierinnen – übrigens alle stark geschminkt, egal ob sie 40 oder 16 Jahre alt sind – in malerischen schwarzen »mantillas« und schwatzhafte Gecken, in möglichst leuchtende Farben gekleidet, flanierten den breiten Hafenkai auf und ab. Als Führer diente uns ein durchtriebener kleiner spanischer Bursche, der unter »Sehenswürdigkeiten« der Stadt die merkwürdigsten und überraschendsten Dinge verstand. Übrigens konnte auch er einige Worte russisch. Das verdankt man der »Kulturträgerarbeit« der russischen Kriegsschiffe, die ständig in Vigo stationieren.

Lissabon ist eine wundervolle Stadt. Alexander v. Humboldt nennt sie bekanntlich die »Königin aller Seestädte«. Und nach meinen bisherigen Erfahrungen bin ich unbedingt geneigt, ihm Recht zu geben. In einer Länge von mehr als 10 Kilometer zieht sich das im Januar-Sonnenschein blendend weiß schimmernde Häusermeer um die Bucht. Die Stadt ist terrassenmäßig angelegt – auf sieben Hügeln. Jede Stadt, die etwas auf sich hält, ruht auf sieben Hügeln, auch Rom und Moskau.

Da uns nur wenige Stunden zur Verfügung standen, konnten von den Sehenswürdigkeiten der Stadt nur wenige und auch die nur flüchtig in Augenschein genommen werden. Eine Autofahrt in die Kreuz und in die Quer ließ uns wenigstens von den Straßenbildern Lissabons einen ziemlich vollständigen Eindruck mitnehmen. Es gibt unbeschreiblich reizvolle und pittoreske Partien in der Stadt, Gebäude von sonderbarer, halb maurischer, halb romanischer Bauart, die uns als der »stilo Manuele« vorgestellt wurde, bezaubernde Palmenhaine wechseln mit breiten, pompösen Avenüen und Plätzen ab, oft öffnet sich in einer unscheinbaren Querstraße ein herrlicher Ausblick auf das leuchtende Meer mit seinen bunten Segeln und dem regen Dampferverkehr. Zwischen dem steinalten verwitterten Gemäuer in engen, steilen Straßen nimmt sich das blendende Blau des Meeres und des Himmels natürlich besonders reizvoll aus.

Einen unauslöschlichen Eindruck macht das nicht weit von der Stadt gelegene, von malerischen Palmengruppen umsäumte Kloster Belem (sprich Beleng, im Portugiesischen gibt es, glaube ich, keinen einzigen Laut, der nicht nasal ist). Es ist ein im echtesten Manuel-Stil erbauter riesiger Gebäude-Komplex aus weißem, marmorähnlichem Gestein, das zu feinstem Spitzenfiligran verarbeitet ist. Der Klosterhof mit seinen Kreuzgängen ist eines der vollendetsten architektonischen Gebilde, das mir je zu Gesicht gekommen ist. Die Eingeborenen freilich lachen über die »Zuckerbretzeln« des »stilo Manuele«. Jetzt dient das Kloster 800 Waisenknaben zum Aufenthaltsort. Sie hatten gerade Freistunde und vollführten einen Höllenspektakel im stillen Klosterhofe, der eigentlich ganz anderen Zwecken, der inneren Sammlung und Ruhe, dienen sollte. Als besondere Sehenswürdigkeit – echt portugiesisch, dieses Volk hat für Unappetitlichkeiten eine besondere Vorliebe – wurde ein Knabe gezeigt, dem die Schädeldecke fehlte und der mit seiner Blechkapsel, die diese ersetzte, devot grüßte. Der Bursche war höchst vergnügt und unbändig stolz auf seinen blechernen Schädel, den Gegenstand der Achtung und des Neides seiner 799 Mitschüler. In einem Raum des Klosters befindet sich das wundervoll gearbeitete Grabdenkmal des portugiesischen Historikers Alessandro Herculeo. Kein König hat in Lissabon solch ein Grabmonument. Es gibt also doch ein Volk, das seine Denker ehrt.

Apropos, die portugiesischen Könige. Jetzt gibt es keine mehr. Aber die früheren werden Neugierigen auch heute noch gezeigt. Ich schäme mich fast, daß ich sie mir auch angesehen habe. In einer Begräbniskapelle, die einer alten Rumpelkammer ähnlich sieht, stehen Särge über Särge gestapelt. Sie bergen die sterblichen Überreste der portugiesischen Könige und brasilianischen Kaiser. Der hinkende Wächter dieser entschwundenen Herrlichkeit holte aus altem Gerümpel eine Holztreppe hervor und hieß uns an die »interessantesten« Särge hinansteigen. Da grinsten uns durch die Glasscheibe des oberen Sargdeckels die weißlich verschimmelten Gesichter des Königs Carlos und des unglücklichen Thronfolgers Don Louis entgegen, die dem Attentat 1909 zum Opfer fielen, und der einst so prächtig charaktervolle Kopf des Kaisers Don Pedro von Brasilien, der sein Land zu dem gemacht hat, was es ist. Am Fußende eines der Särge lag eine zerbrochene Königskrone aus Goldblech – ein vielsagendes, warnendes Symbol.