Sic transit gloria mundi!

Die Portugiesen sind unsagbar stolz auf den Kopf der Republik, der jetzt auf ihren neugeprägten Münzsorten prangt.

2. BRIEF.
DIE INSEL MADEIRA.

Möge jeder jemals von mir aufgenommene Tropfen des flüssigen Goldes, durch das dieser Ort zuerst berühmt geworden ist, mir helfen, die zauberische Schönheit der Insel Madeira in Farben zu schildern, die ebenso glühend und feurig sind, wie der Wein, der auf ihren fruchtbaren Bergabhängen wächst.

Am 8. Januar um 5 Uhr morgens warf die »Arlanza« auf der Außenreede von Funchal, der Hauptstadt der Insel, Anker. Veder Napoli e poi morir – das hat ein Mann gesagt, der Madeira sicherlich nicht gesehen hat. Der Anblick der Insel vom Meere aus bietet ein unvergeßliches Bild. Von hohen Bergketten umschlossen, öffnet die Bucht von Funchal ihren gastlichen, geschützten Hafen den Schiffen. Trotzig und zackig ragen hier schroffe Felsabhänge in den Ozean hinein, sanft gewellte Hügel, von immergrünen Hainen bedeckt, ziehen sich dort den Strand entlang. Und zwischen hineingestreut, als hätte man einen Sack Zucker ausgeschüttet, liegen die schneeweißen Würfel der Häuser und Villen Funchals. In blendendem Morgensonnenschein blitzen und funkeln die Fensterscheiben bis weit übers Meer herüber. Trotz der frühen Morgenstunde herrscht ein reges Leben auf der Bucht von Funchal. Unser Dampfer ist im Nu umringt von einer Unmenge schmaler Ruderboote und kleiner Dampfkutter. Ein ähnliches Gewimmel umgibt einen anderen prächtigen Ozeanriesen, der sich nicht weit von uns auf den Wellen schaukelt. Er rüstet sich zur Weiterfahrt nach Afrika und von Zeit zu Zeit läßt er den aufregenden Schrei seiner Dampfpfeife ertönen. Für den Stil unserer Reise übrigens war es charakteristisch, daß wir einen Augenblick lang ernstlich daran dachten von unserem Amerikadampfer auf jenen Afrikadampfer überzusiedeln. Er sah mit seinem sauberen hellgrauen Anstrich so einladend und unternehmend aus. Und in Afrika ist es sicherlich auch sehr interessant. Nach »reiflicher« Überlegung, die 5 Minuten währte, entschieden wir uns jedoch zu bleiben, wo wir waren. Ob zu unserem Glück oder Unglück – wer weiß es.

Vor einigen Jahren noch mag es schwer, ja unmöglich gewesen sein, in der verhältnismäßig kurzen Zeit von sechs Stunden die Schönheiten Madeiras auch nur einigermaßen gründlich kennen zu lernen, jetzt geht das leichter, wenn es einem nämlich gelingt, eines der wenigen Autos habhaft zu werden, die von unternehmungslustigen Madeiranern wohl speziell für durchreisende Fremde angeschafft worden sind. Gelingt einem das jedoch nicht, so ist man verloren, das heißt auf die vorsintflutlichen Vehikel angewiesen, mit denen der gewöhnliche Straßenverkehr auf Madeira besorgt wird. Der Wissenschaft halber habe auch ich eine Strecke in solch einem Fuhrwerke zurückgelegt und wurde dabei lebhaft an die Moskauer Iswostschiki im März erinnert. Solch eine Madeira-Droschke ist nämlich ein – Schlitten, der von zwei trägen Ochsen über das holperige Pflaster der Stadt gezogen wird. Die Kufen werden mit Fett eingeschmiert (so weit ist man in Moskau noch nicht), um leichter über die Steine zu gleiten. Wenigstens ist für einigen Komfort gesorgt. Die Schlitten haben Federn, und vor der Sonne wird der Fahrgast durch einen auf vier Stangen ruhenden Baldachin aus buntem Kattun geschützt. Das Tempo solch eines Fuhrwerkes ist das Largo des Totenmarsches aus »Saul«. Zwar läuft ein brauner Junge, der unter seinem Riesenstrohhut fast verschwindet, voran und reizt die Ochsen vermittelst eines Flederwischs zu temperamentvolleren Leistungen. Doch hilft das nur wenig. Die Ochsen wären ja wirklich welche, wenn sie vor dem kleinen Buben mit seinem weichen Besen Respekt hätten.

Nein, ein Auto auf Madeira ist vielleicht stillos, aber für Reisende, deren Dampfer Eile hat, ist es unter allen Umständen vorzuziehen.

Unser Chauffeur, ein Stockportugiese, der außer den häßlich-näselnden, faulen Lauten seiner Sprache, leider keinen Ton in einem verständlicheren Idiom hervorbringen konnte und auch keinen verstand, führte uns zuerst auf die Ostseite der Insel. Der Weg windet sich bergan, zwischen Zuckerrohrfeldern, durch Alleen von Platanen, vorbei an Palmenhainen und Bananenpflanzungen, wo, noch jetzt im Januar, die goldigen Früchte im saftig grünen Laub schimmern. Lange Strecken des Weges bilden Legionen von Kakteen mit glühendroten Knollen und Blüten eine natürliche Hecke und bieten als origineller Stachelzaun Schutz vor Wegelagerern. Freilich auf der Straße selbst ist man vor ihnen nicht sicher, und sie stellen sich auch bald ein in Gestalt von braunhäutigen, barfüßigen und barhäuptigen Kindern, die ein Blumenbombardement auf den Wagen eröffnen. Wundervolle dunkelviolette Iris, Rosen, Azaleen-Blüten, Magnolien und sonderbare leuchtend rote Sternblumen fielen uns in den Schoß. Die Kinder laufen hinterdrein und haschen Kupfermünzen. Ihre schwarzen Korintenaugen blitzen wie glühende Kohlen und in ihren Gesten äußert sich ein beängstigend feuriges Temperament. Der Weg wird von Minute zu Minute schöner und romantischer. Auf der einen Seite hat man die Berglandschaft mit entzückenden Ausblicken, bizarren Felsformationen, schäumenden Wasserfällen, malerischen Viadukten, auf der anderen öffnet sich eine unendliche Fernsicht auf den im frühen Sonnenlichte silbern schimmernden Ozean. In violettem Dunst zeichnen sich am Horizonte die Umrisse der anderen kanarischen Inseln ab.

Auf dem höchsten Punkte des Weges machten wir Halt. Man mochte sich nicht losreißen von dem unbeschreiblich schönen Bilde, das sich nach allen Seiten hin bot. Einige regelrechte Kanarienvögel gaben uns im nahen Pinienhaine ein Morgenkonzert. Nun ging es denselben Weg zurück durch die jetzt schon ein wenig belebteren, meistens ziemlich winkeligen und engen aber immer malerischen Straßen Funchals. Es gibt eine Menge Villen, die sich durch ihre geschmackvolle Bauart auszeichnen. Sie liegen in blühenden Gärten, deren üppige tropische Vegetation einen geradezu märchenhaften Eindruck macht. Riesige Farrenbäume, Palmen, Rhododendren, Azaleen von der Größe junger Birken, Magnolien, Gummibäume – alles wächst dort in buntem und wirrem Durcheinander. Die meisten Häuser sind eingehüllt in das Dickicht irgend einer Schlingpflanze mit wundervollen leuchtend violetten Blüten, die so dicht wachsen, daß ihre Farbe fast wie ein lustig bunter Anstrich wirkt.

Auf der Westseite der Insel erreichten wir nach zirka 20 Kilometern ein kleines Fischerdorf, das auf steil abfallenden Felsen ins schäumende und brausende Meer hineingebaut ist. Es schien nur von Kindern bevölkert zu sein, die unser Auto in unheimlich anwachsenden Scharen umringten. Weder durch Geld noch durch gute Worte, noch durch Drohungen und Püffe konnte man sich von dieser schmutzigen braunen Bande befreien, die ein außerordentliches Verlangen nach Rauchwerk hatte und der die russischen Papiros leider sehr gut zu schmecken schienen. Für unsere milden Gaben revanchierten sie sich wenigstens durch die Vorführung von erstaunlichen Taucherkunststücken. Wie die Frösche sprangen sie von der hohen Felsküste ins Meer und verfehlten nie die ihnen zugeworfenen Münzen, nach denen sie oft metertief tauchten.