Die richtigen Madeira-Taucher sahen wir jedoch erst bei unserer Rückkehr aufs Schiff. Um den Dampfer herum herrschte ein solches Gewimmel von Booten, daß der kleine Kutter sich nur mit Mühe einen Weg zum Fallrepp bahnte. In jedem der hunderte von Booten saßen einige halbnackte braune Kerle und machten sich unter wüstem Geschrei anheischig, ihre Künste zu zeigen. Sämtliche Altersstufen von 10-40 Jahren waren unter diesen Tauchern vertreten, die mit unglaublichem Geschick ihr Geschäft besorgten. Gleich Affen kletterten sie an Tauen, die man ihnen hinabließ, bis aufs sechste Promenadendeck hinauf und von dort, d. h. von der Höhe eines zirka siebenstöckigen Gebäudes, warfen sie sich ins Meer. Es ist ein schönes, aber aufregendes Bild, wenn diese braunen Pfeile in die Tiefe schießen. Meterhoch spritzt das Wasser auf. Der Schlag auf die Wasserfläche muß ein mörderischer sein. Mit blutigroten Schultern tauchen die kühnen Burschen aus der Tiefe wieder auf, und zwischen den Zähnen halten sie unfehlbar das Geldstück, dem ihr Sprung galt. Die tollkühnsten von ihnen schwimmen übrigens nach dem Sprung unter dem Dampfer durch. Man kann ihnen alle Hochachtung nicht versagen, wenn man bedenkt, was für einen Tiefgang solch ein 16 000 Tonnenschiff hat. Einigen von den Tauchern fehlte diese oder jene Extremität, es gab eine Menge einarmiger und einbeiniger unter ihnen. Die fehlenden Gliedmaßen haben seinerzeit den Haifischen der Bucht von Funchal als leckere Mahlzeit gedient. Trotz der Gefahr, sich das Genick zu brechen oder von Haien angefressen zu werden, sind die Burschen nicht teuer. Sie springen schon gerne für 200 Reis. (Als Mittel gegen Schlaflosigkeit empfehle ich, portugiesische Münzsorten etwa in russisches Geld umzurechnen, ein Reis ist in Brasilien ungefähr 7/1000 Kopeken, in Portugal 3½ mal so viel; beim Versuch, irgend eine Summe – etwa 18 Millreis, 300 Reis – in Mark oder Rubel umzurechnen, schwindelt einem, und jetzt hat die republikanische Regierung noch zum Überfluß eine neue Münzsorte, Centavos = 10 Reis, eingeführt, und prägt Münzen von 50 Centavos. Um hier nicht übers Ohr gehauen zu werden, muß man ein Rechenkünstler vom Range eines Arago sein.)

In Madeira, dessen Zaubergärten viel zu schnell dem Blick entschwanden, nahmen wir für Wochen Abschied vom Lande. An den kahlen, von senkrechtem Sonnenbrande durchglühten Inseln Cap Verde, St. Vincenz und St. Antonio, fuhren wir stolz vorüber. Erst an der brasilianischen Küste, in Pernambuco, werden wir wieder Land sichten.

Sieht man tagaus tagein über die endlose Wasserfläche des Ozeans hin, über dem sich als einziges Zeichen organischen Lebens von Zeit zu Zeit ein glitzernder Schwarm fliegender Fische erhebt, so kehren die Gedanken immer wieder zu dem Märchenlande Madeira zurück, das wie eine Fata Morgana nur für Stunden aus dem Ozean auftauchte und sich dem Gedächtnis doch unauslöschlich eingeprägt hat.

3. BRIEF.
PERNAMBUCO. – BAHIA.

In Pernambuco sichtete die »Arlanza« zum ersten Male die südamerikanische Küste. Mit einem aus Bedauern und Beruhigung gemischten Gefühl sah man den hellen Streifen über dem Horizont, der uns als »Amerika« vorgestellt wurde, immer breiter werden. Man bedauerte, daß nun bald das Götterleben auf dem Schiff mit der unbegrenzten Möglichkeit zu allen Arten des »dolce far niente«, mit dem amüsanten »board-tennis« und Ringspiel, mit den je nach Bedarf kräftigen oder kühlen »drinks« im Rauchsalon, mit den phantastischen Äquator-Maskenbällen und allerhand anderem gesellschaftlichem Ulk ein Ende haben würde. Man war beruhigt, weil man nun tatsächlich mit Amerika Bekanntschaft machte und nicht mit dem Seeboden.

Doch mußten sich die Passagiere, die zwölf Tage keinen festen Boden unter den Füßen gespürt hatten, hier noch mit dem Anblick des Landes begnügen, ohne es zu betreten. Nur Reisende, deren Bestimmungsort Pernambuco war, wurden ausgeladen. Dieses Wort ist keine Hyperbel, sondern entspricht den Tatsachen. Der Seegang und die Brandung ist in der Bucht von Pernambuco so stark, daß kein Boot und kein Dampfkutter ohne die Gefahr sofortiger Havarie dicht an die großen überseeischen Schiffe anlegen kann. Sie halten sich, von unmutigen Wellen hin und her geworfen, in respektvoller Entfernung. Die Passagiere aber werden wie Warenballen in großen Körben an den Riesendampfkränen des Schiffes in den Ozean hinabgelassen, wobei es gilt, eines dieser schwankenden Böte zu treffen.

Diese Beförderungsart ist keineswegs erheiternd, zumal das Schiff von zahllosen mächtigen Haifischen umtanzt wird, die ihre gierigen Rachen nach allem aufsperren, was in die Nähe der Wasserfläche kommt. Zur Freude der Schiffsmannschaft gelang es übrigens, eine dieser gefräßigen Bestien zu »angeln«, ein wahres Prachtexemplar von fast 4½ Meter Länge. Der Angelhaken, den diese Hyäne des Ozeans ohne Besinnen verschluckte, hatte die Größe eines mäßigen Schiffsankers. Vielleicht war es auch einer, ich habe nicht genau hingesehen.

In Bahia, einem der wichtigsten Handelszentren des äquatorialen Südamerika, betraten wir zum ersten Male den neuen Kontinent. Vom ersten Schritt an konnte kein Zweifel darüber walten, daß man sich nicht in Europa befand. Die Bevölkerung scheint auf den ersten Blick, wenigstens im Hafenviertel, ausschließlich aus Mohren zu bestehen. Allmählich beginnt man jedoch die feineren Unterschiede zu bemerken und unterscheidet die Mulatten, die in allen Schattierungen, sogar gefleckt, vertreten sind, von den ganz Schwarzen, dann die »Weißen« von den Mulatten. Allerdings was man hier einen »Weißen« nennt, könnte in Europa noch ganz gut als etwas verblichener Neger passieren. Die sengende Kraft der Sonne ist unglaublich. Merkwürdigerweise lähmt sie jedoch die Energie keineswegs. Obgleich man ununterbrochen Ströme von Schweiß vergießt, kann man selbst um 12 Uhr mittags in der Sonne spazieren gehen, vorausgesetzt, daß der Kopf durch einen hohen Panamahut geschützt ist. Schatten gibt es um diese Tageszeit keinen, weder Häuser, noch Mauern, noch Menschen können sich eines solchen rühmen. Die Sonne steht im Zenith und ihre Strahlen fallen genau senkrecht. Der Schatten eines Menschen nimmt nur den Raum ein, den seine Fußsohlen bedecken. Es kommt einem ganz merkwürdig vor, den kleinen schwarzen Fleck zwischen den Füßen als den eigenen Schatten anzusehen. Die Eingeborenen vermeiden es natürlich tunlichst, sich um diese Tageszeit auf der Straße zu zeigen. Besonders die Mohren geben sich in dem Handelsviertel, das sie sich in den Querstraßen des Hafens errichtet haben, dem ihnen, ach so lieben Nichtstun hin. Sie sind übrigens ein gutmütiges und zugängliches Volk, von Kultur allerdings nur sehr oberflächlich beleckt. Einer dieser schwarzen Handelsherren, der sich am Stamm einer prächtigen Palme ein mehr als originelles Magazin von alten Kleidern, Hüten, Stiefeln eingerichtet hatte, und, längelang auf einer Holzbank hingestreckt, sein wohlassortiertes Lager bewachte, fragte, als ich meinen Kodak nach ihm zückte, weinerlich – ob es schmerzen würde, war aber doch viel zu faul, um aufzustehen und sich der Gefahr des Photographiertwerdens zu entziehen.

Furchtbar, schauerlich, wahrhaft grausig sind die Negerweiber, besonders wenn sie alt sind. Sie sehen samt und sonders aus wie verkleidete Männer. Ihre Putzsucht ist sprichwörtlich. Sie geben sich die erdenklichste Mühe, ihre teuflischen Fratzen durch phantastischen Kopfputz und grellfarbige Kleidung noch auffallender zu machen. Unter den kniekurzen knallrosa oder knallblauen Röcken starren die schwarzen Beine hervor, einem weißen Spitzenhemdchen entragt das meist nicht sehr üppige schwarze Décolleté. Ein bunter Sonnenschirm vervollständigt diese Toilette, die einen glauben macht, man befände sich auf einem exotischen Maskenball.

Bahia ist eine echt brasilianische Stadt, als solche viel charakteristischer als die Hauptstadt Brasiliens, Rio de Janeiro, von der im nächsten Briefe die Rede sein soll. Die Häuser sind flach, kastenartig, ohne architektonische Pretensionen, sie scheinen nur aus Fenstern zu bestehen, die auf der Sonnenseite mit Bastmatten verhängt sind. In den engen Straßen der Innenstadt, deren schneeweiße Mauerflächen das grelle Sonnenlicht blendend zurückstrahlen, herrscht reges, von südlichem Temperament bewegtes Leben. Maultiertreiber, Straßenhändler, Zeitungsverkäufer vollführen ein wüstes Geschrei.