Die Hazienda San Carlos ist entzückend gelegen. Ich würde sagen idyllisch, wäre dieser Ausdruck nicht in den Tropen überhaupt und unter allen Umständen deplaciert. In einem Talkessel, der die Aussicht nach einer Seite freiläßt, sind in regellosem Durcheinander die acht bis zehn Häuser des Gutshofes hingebaut. An einer Seite zieht sich eine üppige Bananenpflanzung hin, deren Früchten wir mehr als einen exquisiten kulinarischen Genuß verdanken.

Von allen Pflanzen der Tropen ist die Bananenstaude, meinem Geschmack nach, die malerischste. Die ganz hell lichtgrünen Blätter von der Form riesiger Palmenwedel falten sich an der Spitze des Baumes zu einem breiten schattenspendenden Dache auseinander. Der Stamm geht von unten nach oben allmählich aus einem bräunlichen Rot in dasselbe Lichtgrün des Laubwerkes über. Zwischen den Blättern lasten schwer die mächtigen Fruchtkolben, an denen sich die Bananen, je nach dem Stadium der Reife und der Sorte, grün, goldgelb oder kupferbraun auseinanderspreizen.

An der anderen Seite der Hazienda ziehen sich die Kaffeeplantagen entlang. Schon von weitem sieht man die feuerroten Kaffeebohnen aus dem Laube hervorleuchten. Ums Wohnhaus herum stehen Orangen und Zitronenbäume, über und über mit reifen Früchten bedeckt.

Nur das Wohnhaus ist ein Bretterbau. Die Wände der übrigen Häuser bestehen, wie überall unten in den Tropen, aus aneinandergereihten Bambusstäben, die einfach in die Erde gesteckt und nur lose mit Bast zusammengeflochten werden. Fenster haben diese Bambuskäfige, von denen ich noch zu erzählen haben werde, nicht. Alle Gebäude sind mit Palmstroh gedeckt. Oberhalb der Plantagen sind die sie umgebenden Hügel mit wundervollem dichten Urwald bestanden.

Obgleich wir unangemeldet in San Carlos eintrafen, wurde uns ein überaus freundlicher Empfang seitens des Verwalters – hier nennt man ihn »gerente« – zuteil. Auf der luftigen Veranda, während unsere Zimmer zurecht gemacht wurden, bekamen wir sofort einen prächtigen rosenroten Cocktail aus Zuckerrohrschnaps vorgesetzt. Ohne das geht es hier nicht. Kein Verbrechen wird strenger gerochen, als wenn man die »cocktail-time« versäumt. Nun, man läßt es sich ja schließlich gefallen. Wenigstens braucht man, wenn man zu Gast ist, nicht um die »Cocktails« zu würfeln, wie wir das in Oruro und La Paz bis zur Besinnungslosigkeit tun mußten.

Vor dem Frühstück noch wurde uns ein langentbehrter Genuß zuteil. Wir konnten baden. Hinter dem Hause hat sich nämlich der umsichtige und reinliche »gerente« mit Bedacht und Fleiß ein Schwimmbad hergerichtet. Es besteht aus einem großen Holzkasten, geräumig genug für eine ganze Familie. Das krystallklare Wasser eines kühlen Gebirgsstromes wird vermittelst zweier Holzröhren herein und wieder hinausgeleitet. Man plätschert also in fließendem Wasser. Daß das Bad von einer gewaltigen Bananenstaude beschattet wird, gibt der ganzen Sache einen, dem Ort entsprechenden, äußerst exotischen Charakter.

Während der fünf Tage in den Kordilleren waren wir alle total verwildert, ganz »en Schwein« wie Heine sagen würde, mit sprossenden Vollbärten. Wir erkannten uns gegenseitig kaum wieder, als wir uns sauber gewaschen und gekämmt an der Frühstückstafel zusammenfanden.

Was die tropischen Menüs anbetrifft, so muß man sich anfangs an mancherlei gewöhnen, was man später nicht mehr entbehren möchte. Dazu gehört allerdings nicht die rote Ahi-Pfefferschote, vor der wir noch von Brasilien her einen Heidenrespekt hatten. Hier wurden die Speisen nur soweit gepfeffert, daß man wenigstens nicht alle seine Tränen zu einer Mahlzeit zu vergießen brauchte. Vor der Suppe werden meist gekochte oder geröstete Bananen aufgetragen, oder eine mehlige kartoffelartige Wurzel »juca«, die mit Butter gegessen wird. Den Bananen haftet in dieser Form ein unangenehm süßlicher Geschmack an. Die größte Tropen-Delikatesse, die man sich gerne gefallen läßt, ist ein Salat aus jungen Trieben der Palmen. Für eine Schüssel müssen vier Stämme gefällt werden. Das ist eigentlich ein Frevel, aber ein außerordentlich wohlschmeckender. Herrlich sind die tropischen Früchte hier, in Brasilien hatten sie mir gar nicht behagt. Da ist vor allen die »chirimoja«, die Königsfrucht, die von außen ungefähr wie eine grüne Zedernuß aussieht, und deren schneeweißes festes Fleisch einen überaus würzigen, fein aromatischen Geschmack hat. Dann die »grenadillos«, Früchte der Passionsblume, die aussehen wie riesige Stachelbeeren und auch ähnlich schmecken. Dann die »palta«, um deren Kern ein grünliches Fleisch von pikantem nußartigem Geschmack sitzt. Man ißt sie meist vor der Mahlzeit mit Salz und Pfeffer. Unangenehm schmeckt das weiße, wollige und faserige Fleisch der »pacais«, die man bei uns in getrocknetem Zustande »Johannisbrot« nennt. Nicht zu verachten dagegen sind die »papaillos«, eine Sorte edler Kürbisse, die ungefähr so behandelt werden, wie bei uns die Kartoffel. Keinen besonderen Geschmack konnte ich den sogenannten »süßen Zitronen« abgewinnen, die überall zu Tausenden wild wachsen. Sie haben überhaupt keinen Geschmack, weder einen süßen, noch einen sauren, noch sonst irgend einen, sind allerdings sehr saftig, was ihnen in wasserarmen Gegenden großen Wert verleiht.

Während der fünf Tage, die wir in San Carlos verweilten, aßen wir langsam aber sicher einen Ochsen auf, bis zu den Gedärmen inklusive, den sogenannten »tripas«, die hier hochgeschätzt, dennoch eine kulinarische Scheußlichkeit sind.

Im übrigen verging die Zeit nur zu schnell in dem angenehmen Bewußtsein, daß man nichts zu tun hatte, als nichts zu tun. In den ersten Tagen strich ich viel mit dem Gewehr umher, brachte auch stets Beute heim, einige von den prächtigen feuerroten »tuncis«, einer ziemlich seltenen Papageisorte, »celestinas«, mit ihrem unwahrscheinlich schönen siebenfarbigen Gefieder, und viel Raubzeug. Die als Braten hochzupreisenden Bergpfauen – »pavo de monte« – habe ich wohl gehört, aber nie zu Gesicht bekommen. Ebenso ging es mit den Affen. Es wird auf die Dauer langweilig, daß man bei solchen Ausflügen nur auf die mehr oder weniger gebahnten Wege angewiesen ist. Im Walde selbst ist auch hier nirgends ein Durchkommen. Wagt man sich einen Schritt seitwärts, so ist man sofort rettungslos von tausend stachligen Schlingpflanzenarmen umgarnt. Der Jäger kann dem Wild nicht nachstellen, sondern muß warten, bis es zu ihm kommt. Dazu gehört mehr Geduld, als mancher besitzt. Läßt man sich aber zu einem verfrühten Schuß verleiten, so muß man es schwer büßen. Auf dem Rückwege aus Mapiri hatte ich die seltene Gelegenheit einen mächtigen Kondor vor die Flinte zu bekommen. In der Aufregung schoß ich zu früh, und er fiel vielleicht dreißig Schritte weit in den Wald hinein. Es dauerte mehr als 1½ Stunden bis wir uns zu zweit diese dreißig Schritte in das Dickicht hineingearbeitet hatten und noch eine weitere halbe Stunde bis es gelang, den Vogel aus der Palme, auf die er gefallen war, herauszuschütteln. Und endlich konnten wir ihn doch nicht mitnehmen, weil er zu schwer war, und es nicht anging, ihn durch das Gewirr von Schlingpflanzen durchzuschleppen.