Die Jagdleidenschaft wurde durch eine harmlosere abgelöst – den Schmetterlingsfang. Zu hunderten gaukeln die bunten Riesenfalter in den Wäldern umher und zwar vorzugsweise an den Wegen, da sie so poesielos sind, eine besondere Vorliebe für Mulamist zu hegen. Es ist nicht so leicht ihrer habhaft zu werden. Erstens sie überhaupt zu fangen, und zweitens wenn man sie glücklich im Netz hat, sie nicht zu beschädigen, denn mit einem kräftigen Flügelschlage kann ein solcher Falter die ganze Pracht seiner Zeichnung stören. Aber Übung macht den Meister. Wenn man sehr geduldig, vorsichtig und leise ist, kann man den sitzenden Schmetterling mit den Fingern an den zusammengelegten Flügeln fassen. Allerdings ist er meist so infam, im allerletzten Augenblick zu entschlüpfen, und es kann einem recht heiß werden bei solch einer Jagd, die oft kilometerweit den Weg entlang führt, zumal Mittags in der Tropensonne. Im Verlaufe der ganzen Reise, vorzugsweise aber in San Carlos, gelang es uns, eine stattliche Sammlung von über 160 Sorten zusammenzubringen. Als wir nachher in La Paz auspackten, hatten wir die Genugtuung, daß selbst Dr. B., der Direktor des allerdings noch jungen bolivianischen Naturhistorischen Museums, eine ganze Reihe von unseren Faltern noch nicht besaß.
Die ersten Tropennächte schläft man schlecht. Sie sind zu schön, diese Nächte. Vor allem sind sie zu unruhig, zu enervierend, zu aufregend. Mit einer unglaublichen Plötzlichkeit brechen sie an. Man hat eben noch im Freien gelesen, da legen sich weiche schwarze Schatten rings auf Wald und Feld, ein kühler Wind streicht durch die Bäume, am dunkelblauen Himmel blitzt ein Stern nach dem anderen auf. Und nun gehts los, als wären alle guten und bösen Luft- und Nachtgeister entfesselt. Ein wahrhaft ohrenbetäubendes Konzert beginnt. Legionen von Grillen, Zykaden, und anderem Nachtgetier zirpen, pfeifen, girren – brüllen, würde ich am liebsten sagen. In den Bäumen schluchzen und klagen die melancholischen Sänger der Nacht. Das Geräusch wird endlich so stark, daß man, wie beim Treswon der Moskauer Kremlglocken keine einzelnen Töne mehr unterscheiden kann. Ein rasender Liebestaumel scheint alles Lebende ergriffen zu haben. Das Locken und Schmeicheln nimmt kein Ende. Riesige Nachtfalter, Fledermäuse, leise Nachtvögel tauchen schattenhaft im Dunkel auf, um gleich wieder zu verschwinden. Und nun beginnt die allabendliche Illumination des Waldes. Unzählige Funken und Flämmchen blitzen überall auf – es sind Millionen von Leuchtkäfern. Alle Bergabhänge sind besät mit ihnen, als wären die Sterne vom Himmel gefallen und könnten im duftenden Laub nicht verlöschen. Doch ein Blick nach oben belehrt einen, daß die Sterne noch an Ort und Stelle stehen. Und auch sie scheinen ihre Leuchtkraft verdoppeln zu wollen, als müßten sie genau hinschauen, was dort unten auf der Erde eigentlich vor sich geht. Sie flimmern und flackern und können ihre Unruhe nicht bemeistern.
Und unter solchen Umständen soll man schlafen. Unmöglich. Man liegt im Liegestuhl, stumm und wunschlos, und trägt mit einer Zigarette sein bescheidenes Scherflein zu der allgemeinen Illumination bei.
Die schönen Tage von San Carlos vergingen nur zu schnell. Immer wieder gab es etwas anderes zu sehen. Wir gingen in die Kaffeeplantagen hinein und halfen die schönen roten Bohnen von den zierlichen Sträuchern pflücken. Dann sahen wir zu, wie die Bohnen von ihrer äußeren Hülle gereinigt werden, was in einer Art Riesenkaffeemühle geschieht, die jedoch von Indianern mit der Hand betrieben wird. Größere Maschinenbetriebe sind hier unten natürlich unmöglich, denn man kann hierher nichts transportieren, was ein größeres Gewicht hat, als eine Mula auf dem Rücken tragen kann.
Vor dem Wohnhaus in San Carlos ist eine große Tenne angelegt, die ich anfangs für einen vernachlässigten Tennisplatz hielt. Das war jedoch ein Irrtum. Auf diese Tenne werden die von ihrer äußeren Hülle befreiten Kaffeebohnen geschüttet und in der prallen Sonne getrocknet. Von Zeit zu Zeit laufen Indios mit nackten Beinen in dem Kaffee umher, um die Bohnen zu wenden und mit der Luft in Kontakt zu bringen. Nirgends in der Welt habe ich besseren Kaffee getrunken, als in San Carlos. Das Geheimnis seiner Zubereitung ist das, daß der Kaffee in gar keine Berührung mit irgend einem Metall kommt. Auf der Lehmfläche des Ofens wird er geröstet, dann nicht gemahlen, sondern zwischen zwei Steinen zerrieben, in einem Tongefäß aufbewahrt und auch gekocht. Nur auf diese Weise erhält sich sein Aroma ganz rein. Gekocht wird ein Extrakt von männermordender Stärke. Er wird kalt serviert und ein Spitzglas davon in der Tasse mit heißem Wasser verdünnt. Das Resultat ist ein Getränk, gegen das Nektar und Ambrosia Spülwasser gewesen sein muß. Ehrgeizige Hausfrauen mögen das Rezept ausprobieren.
Mit Indianern, die vermittelst ihrer säbelartigen »machetos« den Weg durchschlugen, drangen wir in den Urwald ein, um den Chinabaum zu finden, dessen Rinde hier früher ein wichtiger Exportartikel war, bis man sie von anderswo her billiger nach Europa schaffen konnte. Jetzt wird die bittere Rinde nur für den Hausbedarf abgeschält und verarbeitet. Man kämpft damit gegen das Fieber, ohne jedoch radikale Abhilfe schaffen zu können.
Ein weiterer Ausflug führte uns nach den »gomales«, jenem Teil des Urwaldes, in dem der Gummi gewonnen wird, dem die hiesigen Haziendenbesitzer ihren Wohlstand verdanken. In den Wäldern von San Carlos arbeiten mehr als 500 sogenannte »picadores«, Indianer, die täglich zweimal jeder einen Rayon von zirka einem Quadratkilometer abgehen und 100-150 Gummibäume anzapfen. Sie schlagen mit einer spitzen Hacke hinein und befestigen unter der Öffnung ein kleines Blechgefäß, in das der milchige Gummisaft abfließt. Bei der zweiten Runde werden all diese kleinen Becher, von denen an jedem Baum oft zehn bis zwanzig stecken, in einen größeren Eimer entleert. Die weitere Bearbeitung des Gummis besteht darin, daß er über einem schwachen Holzfeuer – im Walde noch – geräuchert wird. Dadurch wird er erstens schwarz und backt sich, zweitens, zusammen. Dann sind die rohen Klumpen zum Export fertig. Die Gummibäume werden hier übrigens nicht gepflanzt, sondern wachsen wild mitten im Urwalde. Die »picadores« müssen sich jeden Tag ihren Weg aufs neue durchschlagen, da die unglaublich schnell wuchernden Schlinggewächse ihn sofort wieder versperren.
Von allen kultivierten Pflanzungen sind, nächst den Bananen, die Kakaoplantagen die schönsten und malerischsten. Der Kakaobaum ist sehr hochstämmig mit einer breiten Blätterkrone, unseren Eichen nicht unähnlich. Im dunkelolivengrünen Laube verstecken sich die Früchte. Eine leuchtend orangegelbe Schale umschließt die bläulichen Bohnen. Das weiße, weichlich-wollige Fleisch, das die Bohnen umhüllt, wird von Liebhabern gegessen, zu denen ich mich jedoch nicht bekennen konnte.
Hin und wieder führte unser Weg durch Reisfelder. Kurzsichtige können ihn für Gerste oder Hafer halten. Er wird auch ebenso abgeerntet. Nur der Drusch bietet ein eigenartiges Bild. Das erste Mal glaubte ich, eine Horde Wahnsinniger, oder Angehörige der Springersekte vor mir zu haben. Doch waren es Indianerweiber, die mit wilden Gesten auf den Reisbüscheln herumtanzten und stampften, und auf diese sehr primitive Weise die Körner aus den Halmen entfernten.
Alle diese Ausflüge wurden nebenbei zum Schmetterlingsfang benutzt. Unser Hauptaugenmerk richtete sich natürlich auf die großen blauschillernden Falter, die in Europa unter Laien unter dem Namen »brasilianischer« bekannt sind. Hier sind sie in drei Sorten vertreten, heller und dunkler gefärbt, mit samtschwarzem beziehungsweise goldbraun gewürfeltem Rande. Im Fluge bilden sie ein bezauberndes Bild, sie schweben so ruhig und aristokratisch daher, als seien sie überzeugt, daß niemand die Dreistigkeit haben könnte, sie zu fangen. Dem Netz, das nach ihnen hascht, weichen sie nicht weiter aus, als unbedingt notwendig ist. Wer beschreibt unsere Freude, als wir eines Tages bei einem Spazierritt unter einem Baum japanischer Paradiesäpfel 40-60 dieser Riesenfalter beisammensitzen sahen. Zum Überfluß schien die ganze Gesellschaft vom Genuß des Fallobstes berauscht zu sein. Sie ließen sich einer nach dem andern ruhig greifen. Wir hatten nicht genug Papiertüten bei uns, um sie alle sorglich zu verpacken.