Aus meinem Tagebuch. 24. April. Da sind wir wieder an Bord des »Orion«. Das ganze Boot ist vollgepackt mit unseren Sachen. Es scheinen immer mehr zu werden. Um 12¼ stoßen wir ab. Aus Guanay winkt man uns Abschiedsgrüße zu. Die Fahrt stromaufwärts scheint wenig erheiternd zu werden. Das Boot ruckt, schwankt, stößt, kratzt auf den Steinen. Wir fahren mit vier Balzeros ab, die übrigen sammeln wir langsam am Ufer aus ihren Häusern auf, reißen sie, beziehungsweise, aus den Armen ihrer liebenden Gattinnen. Jeder bringt eine Bastmatte und ein Bündel Proviant mit. Vier Nächte am Ufer des Flusses ist das Wenigste, was man uns in Aussicht gestellt hat.

Die Technik des Balzeros ist höchst mannigfaltig. Bald werden wir an langen, grauen Bindfäden gezogen, bald gestakt mit langen Bambusstäben, bald gerudert, bald geschoben. Zuweilen dreht sich das Boot um und fährt trotz aller Bemühungen abwärts. Das passiert jedesmal, wenn wir das andere Ufer mit der geringeren Stromschnelligkeit gewinnen wollen. Die Balzeros sind oft bis an die Brust im Wasser. Sie springen wie die Ratten aus dem Boot und wieder hinein. Dabei bekommen wir jedesmal eine Douche. Mit affenartiger Geschwindigkeit wechseln die Burschen ihr Handwerkszeug. Das ist für uns mit Lebensgefahr verbunden. Die Ruder fliegen uns um die Köpfe, die Stricke schlingen sich um unsere Beine, nächstens werden wir an den langen Stecken aufgespießt.

Um 2 Uhr machen wir eine Pause. Holen den Anführer unserer Balzeros ab. Wir müssen in seiner Hütte einkehren. Sie liegt höchst malerisch, von Bananenstauden umgeben, dicht am Wasser. Seine Frau, ein hübsches, aber nicht ganz sauberes Indianerweib kredenzte uns »Chicha«, das nationale Indianergetränk. Wir mußten es trinken, nicht ohne heimliches Grausen. Eine Absage wäre eine tödliche Beleidigung gewesen. Es schmeckt gräßlich, besonders wenn man die Zubereitungsart kennt. Der Hauptbestandteil ist gekauter – jawohl gekauter – Mais! Die Indianer sehen dort im Mapiri-Gebiete alle aus als ob sie die fürchterlichsten Zahngeschwüre hätten. Jeder trägt einen Ballen Mais in der Backentasche, an dem er herumkaut. Abends wird der ganze Vorrat, den die Familie tagsüber gekaut hat, zusammengeschüttet, mit Wasser und etwas Schafsmilch versetzt und zum Gären gebracht. Das ist »Chicha«. Guten Appetit!

Unser Balzero hat auch eine Schnapsdestillation, die er uns voller Stolz zeigte. Sie besteht aus einem Lehmofen und zwei Schweinetrögen. Das ist der ganze Apparat, den ein Weib bedient. Auf welche Weise darin aus Zuckerrohr zwanziggrädiger Spiritus gewonnen wird, bleibt rätselhaft. Wir nehmen einige Flaschen für unsere Jungens mit. Hoffentlich betrinken sie sich nicht gleich von vorneherein.

Kurz vor sechs Uhr legen wir an einer steinigen Uferstelle an. In der Dunkelheit ist man auf dem Fluß vollständig verloren. Die Balzeros bauen aus hohen Palmenschäften zwei Dreiecke auf, die durch eine Stange verbunden werden. Darüber wird ein Segeltuch gehängt – unser Zelt ist fertig. Die vier Betten haben genau Platz darin!

Wir sammeln Holz am Ufer und am Waldesrande. Sch. ist unser vereidigter Feuerwerker. Er bringt ein prächtiges Feuer zustande. Assessor W. kocht. Er hat seinen Beruf verfehlt. Menü: Rumford-Suppe (irgend jemand behauptet, daß sie so heißt, weil man immer mit dem Löffel drin »rumfohrt«), corned-beef mit jungen Erbsen. Dann Tee, Tee in unendlichsten Quantitäten. Zum Tee hatten wir noch einen Kessel reinen Wassers mit. Die Suppe wurde aus dem gelbschmutzigen sandigen Mapiriwasser gekocht. Die schüchternen Versuche, das Wasser durch ein Taschentuch zu filtrieren, verliefen ziemlich ergebnislos. Mit viel List und Tücke wurden die Moskitonetze aufgehängt. Um 9 Uhr steckten wir in den Schlafsäcken.

25. April. Um 5 Uhr heraus. Fast gar nicht geschlafen. Erstens der Mondschein; zweitens – die Ameisen! Scheußliche Bestien! Es gibt hier von allen Größen welche. Sie krabbeln an den Bettpfosten herauf unter das Netz. Keine Hilfe.

Vor dem Frühstück ein herrliches Bad in einem Gebirgsbach, der in den Mapiri mündet.

Das Boot liegt voller Bananen und süßer Zitronen, die uns die Balzeros gebracht haben. Einer behauptet eben, sich ein Bein verstaucht zu haben. Ich glaube, er ist einfach faul und simuliert. Jetzt sitzt er mit einem Gesicht, als wäre seine ganze Verwandtschaft gestorben, auf dem Deck des Bootes.

Es geht kaum vorwärts, jeder Zentimeter des Stromes muß förmlich erobert werden. Die übrigen sieben Jungens arbeiten großartig. Ratsch! Da sind die Näßlinge wieder im Boot.