Dort nicht weit am Fluß, z. B., sitzt ein Mann auf einer Hazienda, die ihm nicht gehört. In einem langwierigen Prozeß hat man ihm in La Paz schon vor sechs Jahren das Eigentumsrecht abgesprochen. Dennoch geht er nicht hinaus, sondern exploitiert die Reichtümer der Hazienda ruhig weiter. Was soll man mit dem Manne machen? Eines schönen Tages erschienen zwanzig Polizisten, um ihn zu verhaften oder zu vertreiben. Er ließ es darauf ankommen und setzte sich mit seiner treuen Dienerschaft zur Wehr. Die Polizisten spielten die Klügeren und gaben nach, da sie in der Minderzahl waren. Nach einigen Runden Cocktails schieden sie als die besten Freunde. Weiter hat der Vorfall keine Folgen gehabt. Man kann doch nicht wegen eines renitenten Haziendenbesitzers ein Regiment Soldaten über die Kordillere schicken.

Mord und Totschlag sind im allgemeinen an der Tagesordnung. Die Indianer, gutmütig so lange sie nüchtern sind, morden in betrunkenem Zustande aus reiner Freude am Totschlag als solchem. Sie sind übrigens feige und greifen ihre Opfer nie von vorne, sondern immer von hinten an. In Guanay und Umgegend leben zahllose notorische Mörder, sie leben unbehelligt, froh und munter, obgleich jedermann sie kennt, denn der einzige Polizist des Städtchens hat natürlich keine Kourage, sie zu verhaften.

Tatsache ist ferner, daß in Guanay es niemand wagt, abends Licht in seinem Hause anzuzünden, um meuchelmörderischen Flintenschüssen der Indianer nicht als Zielscheibe zu dienen. Und diese Zustände gelten als vollkommen normal. Kein Mensch regt sich mehr darüber auf. Der allgemeine Kriegszustand ist Regel. »Homo homini lupus est«. An unseres freundlichen Wirtes Bettpfosten hingen zwei Karabiner und ebenso viele Revolver.

In Guanay hörten wir so viel Interessantes und Anziehendes über das Beni-Gebiet, besonders über die Jagdgelegenheiten dort, daß wir den Plan faßten, von Guanay aus den ganzen Mapiri-Fluß hinunter bis zum Beni, dann diesen abwärts bis zum Amazonenstrom und quer durch Brasilien nach Para im nordöstlichen Winkel Südamerikas zu fahren. Wir konnten den Plan nicht ausführen. Jetzt sind wir ganz froh darüber, denn in La Paz hörten wir nachher, daß die Krankheitsgefahr im Beni-Gebiet mit jedem Schritt, den man ins Innere tut, wächst. Ein deutscher Militärarzt, der vor nicht langer Zeit eine Militärexpedition nach dem Beni geleitet hatte, erzählte uns, daß er von 380 Mann nur 120 zurückgebracht hatte. Alle übrigen waren an Beri-Beri und verschiedenen Fieberformen, darunter auch dem gelben Fieber, zugrunde gegangen. Unser Vorhaben scheiterte an dem Umstande, daß es sich als unmöglich herausstellte, Geld von La Paz oder Sorata nach Guanay zu bekommen. Eine regelmäßige Postverbindung existiert dort überhaupt nicht. Die Post nach Mapiri und Guanay wird abgesandt, wenn sich genug angesammelt hat, um einen Indio damit zu beladen. Das kann einmal wöchentlich oder auch nur einmal monatlich sein. Wir saßen gerade in Guanay vor dem Hause unseres deutschen Freundes als der Postbote erschien. Er brach buchstäblich vor der Türe zusammen. Sechs Tage war er von Sorata bis Guanay gelaufen und schien schon so wie so nicht sehr kapitelfest zu sein – ein alter knickebeiniger Indianergreis. Geld kann man dem natürlich nicht anvertrauen. Wir hätten das wissen sollen, denn wir selbst wurden in jenen Gegenden als Geldbriefträger benutzt, mußten eine ziemlich große Summe von La Paz nach Sorata und ebensolcheine von Guanay nach Mapiri bringen. Das einzige Geld übrigens, das hier unten, besonders von den Indianern akzeptiert wird, ist Silber und allenfalls Ein-Boliviano-Scheine, größere Banknoten werden nicht gewechselt. Mit einem Fünf-Boliviano-Schein kann man schon ähnliches erleben, wie der Mann mit der Millionenpfund-Note bei Mark Twain.

Kurz, wir mußten uns entschließen, denselben Weg zurückzugehen, den wir gekommen waren, da man einen anderen Weg, durch das Tal des Tipuani-Flusses, als absolut unpassierbar bezeichnete. So wurde denn der »Orion« wieder instand gesetzt, und die nötige Zahl Balzeros – dieses Mal zehn – angeworben.

Am Morgen des 24. April waren wir reisefertig, kamen jedoch nicht zur Zeit weg, denn als wir im Begriff waren, unser Boot zu besteigen, ertönte ein Freudengeschrei am Ufer des Flusses: Don Carlos S. kehrte vom Beni heim. Bei der Biegung des Mapiri unterhalb Guanay zeigte sich sein Boot. Langsam schob es sich längs dem Ufer herauf. Zwanzig Balzeros purzelten übereinander, um es schneller vorwärts zu bekommen.

Diese Heimkehr war ein stolzer Anblick. Auf dem Mast des Bootes wehte die grün-gelb-weiße bolivianische Flagge, hoch auf dem Sonnendach hockte ein mitgebrachter prächtiger, grauschwarzer Affe. Vorne am Bug auf einer Ladung mächtiger Gummiballen stand Don Carlos S., der reine Lohengrin, eine Hünenfigur mit kurzverschnittenem, blonden Bart, der wie ein Heiligenschein das schwarzbraun gebrannte Gesicht umgab. Vier Monate war der Hausherr abwesend gewesen. Seine Frau begrüßte der blonde Riese mit einem Händedruck. Doch beider Augen leuchteten. Das ganze Personal der Hazienda überbot sich in Freudenäußerungen bei der Begrüßung. Da konnten wir nicht zurückstehen. Ein Trunk Löwenbräu besiegelte unsere Bekanntschaft. Dazu hörten wir allerlei interessante Geschichten über das Beni-Gebiet, Tapirjagden, Affenfang und ähnliches.

Die Fahrt des Bootes flußaufwärts, die wir ein Stückchen mit angesehen hatten, gab uns einen Begriff davon, was uns bevorstand. Tatsächlich brauchten wir für die Strecke, die wir in 8 Stunden abwärts gesaust waren, bei der Rückfahrt nicht mehr und nicht weniger, als genau sechs Mal 24 Stunden.

Die Zeit drängte, wir mußten aufbrechen, wenn wir überhaupt noch wegkommen wollten. Gegen Mittag schieden wir mit kräftigem Händedruck von Don Carlos S. und seinen Leuten, die uns so freundliche Gastfreundschaft gewährt hatten.