Als es dunkel wurde, kam der »gerente« heim. Ein Italiener mit langem roten Rübezahlbart. Das Mittagessen sehr bolivianisch. Altes Fleisch – Stiefelsohlen! Auch hier keine frische Milch. Die gräßlichen Blechbüchsen mit »condensed milk«, die wir schon seit La Paz nicht mehr sehen können und dennoch täglich sehen müssen. Konservenbutter.
Von 8 Uhr an göttlicher Mondschein. Es wird fast taghell. Wunderschön sind die Silhouetten der hohen Palmen, die sich am silbernen Himmel scharf und deutlich abzeichnen. Wir sitzen stundenlang auf dem freien Platz vor dem Hause in Liegestühlen. Trinken die unvermeidlichen Cocktails, die hier übrigens besser sind, und hören aus dem Hause ein wirklich vorzügliches – Grammophon. Fast den ganzen »Faust« mit Geraldine Farrar und Caruso, auch die Tettrazini, Melba, Sembrich, Titto Ruffo, Tamagno. Plötzlich tönen russische Laute an unser Ohr, eine Arie aus »Romeo und Juliette«. Wir fahren auf – Sobinow! Erraten! Ein ganz klein wenig patriotischer Stolz regte sich doch in uns.
Drei Tage genossen wir die Gastfreundschaft des im Beni-Gebiet abwesenden Don Carlos S., auf seiner Hazienda. Die Tage vergehen in den Tropen schneller als anderwo, weil um 6 Uhr mit unerbittlicher Regelmäßigkeit die Nacht anbricht. Wir vertrieben uns die Zeit mit Jagd und Schmetterlingsfang.
Täglich fuhren wir nach Guanay hinüber, das sich eigentlich in nichts von Mapiri unterscheidet. Die Flußüberfahrt ist jedesmal wegen der Stromschnellen ein aufregendes Unternehmen. Es wird dazu eine »Balza« benutzt, ein kleines Floß mit aufwärts gebogenem Schnabel, in der Mitte ein Sitz aus gespaltenem Schilfrohr, der sehr wenig dauerhaft aussieht und es wahrscheinlich auch nicht ist. Zwei Balzeros, die jetzt ihren Namen mit Recht tragen, lenken das Fahrzeug vermittels eines langen Bambusstabes und eines kurzen Ruders. Man muß ein tüchtiges Stück aufwärts fahren und läßt sich dann vom Strom auf die andere Seite reißen. Das Anlegen ist ein Kunststück, das nicht jeder fertig bringt. Man kommt fast nie an der Stelle an Land, die man bei der Abfahrt in Aussicht genommen hat.
Unterhalb Guanays mündet der Goldfluß Tipuani in den Mapiri. Wir wanderten täglich dorthin, um ein Bad in dem wunderbar kühlen, krystallklaren Wasser des Tipuani zu nehmen. Die schmutzigen graugelben Fluten des Mapiri sind wenig einladend zum Baden.
In Guanay lernten wir einen Deutschen, einen Mann mit einem merkwürdigen Schicksal kennen, in dessen Hause wir manche Stunde verplauderten. In Europa als angesehener Fabrikdirektor ohne eigenes Verschulden in Bankrott geraten, war er vor einigen Jahren ohne einen Pfennig in der Tasche in Buenos Aires angelangt. Die Anden überschritt er, indem er sich als Maurer, Anstreicher und Eisenbahnarbeiter den Lebensunterhalt verdiente. In Chile gelang es ihm eine kleine kaufmännische Stellung zu finden, von dort wurde er, als man seine frühere Spezialität erfuhr, mit sehr hohem Gehalt als Direktor an eine Fabrik berufen. Dort gab er entgegen den eigenen Interessen, der Administration den Rat, den Betrieb einzustellen, schnürte wieder sein Bündel und ging von Abenteuerlust ergriffen, auf die Wanderschaft – präziser ausgedrückt – Gold suchen. Da er keins fand und seine Ersparnisse aufgebraucht waren, strandete er in Guanay. Ein echt amerikanisches Lebensschicksal. In der Regel hat ja jeder Mensch nichtamerikanischer Nationalität, den man in Amerika trifft, was zu erzählen, und meistens Interessantes. Der Deutsche, dessen Lebenslauf ich eben kurz skizziert habe, war übrigens ein überaus feiner Kopf, hochgebildet, von großer Energie und mit scharfer Beobachtungsgabe ausgerüstet. Ich glaube an die Zukunft solch eines Menschen, trotz seiner Abenteuerlust und Phantasterei.
Wenn wir auf den merkwürdigsten Sitzgelegenheiten in seiner mit allerhand undefinierbarem Kram angefüllten Stube herumsaßen, und eine köstliche Limonade aus selbstgepflückten Zitronen tranken, erfuhren wir mancherlei Interessantes über das tropische Bolivien aus seinem Munde.
Hier ist das Land, wo starke und rücksichtslose Naturen am vollkommensten zum Genuß ihrer persönlichen Freiheit gelangen. Der Kampf ums Dasein wird mit Waffen geführt, die wir im zivilisierten Europa nicht kennen. Das einzige Recht, das Anspruch auf Geltung hat, ist das Faustrecht, moralisch und physisch. Eine andere Gerichtsbarkeit existiert nur dem Namen nach.