Aus meinem Tagebuche. 20. April. Am Morgen um 7 Uhr stiegen wir zum Fluß hinab, um uns einzuschiffen. Unser Boot wartete schon. Es trägt den stolzen Namen »Orion« mit schwarzen Lettern an seinem grauschmutzigen Bug. Wir kommen nicht weg. Es geht hier alles nicht so schnell, obzwar die »Mannschaft« ums Boot herumwimmelt und unendlich geschäftig tut. Es sind sieben indianische Jünglinge in weißen Hemden und Hosen, barhäuptig und barfüßig. Man nennt sie »balzeros«, auch wenn sie nicht auf einer Balza fahren. Es dauert eine Ewigkeit, bis unser Gepäck verstaut ist. Die notwendigsten Sachen sind natürlich ganz nach unten geraten. Nur die überflüssigen sind zur Hand. Auch haben wir Ladung. Kaffeesäcke. Das steht eigentlich nicht im Kontrakt. Erst um 9 Uhr geht die Fahrt los. Uns zu Häupten kreist sehr niedrig ein Aasgeier. Die Flinte ist unter Kaffeesäcken begraben. Ich schieße mit dem Revolver nach ihm. Natürlich vorbei.
Mit langen Stangen wird das Boot bis in die Mitte gestakt. Nun gehts flußabwärts. Heidi! ist das ein Tempo!
Die Balzeros sitzen alle sieben auf dem Bootsrande, baumeln mit den Beinen im Wasser und lenken mit kurzen Rudern. Ein Steuer gibt es nicht.
Das Boot fliegt vorwärts mit dem Strom. Oft scheint es direkt gegen die Felswände des Ufers zu sausen, wendet sich seitwärts, dreht sich ganz um. Man wird schwindlich, macht seine Rechnung mit Gott und der Welt. An dieser Felsenkante müssen wir zerschellen. Nein. Im eleganten Bogen lenken die Balzeros herum. Sie sind doch vertrauenswürdiger als sie aussehen. Sie kennen den Fluß, der nur aus Stromschnellen zu bestehen scheint, wie ihre fünf Finger. Allmählich gewöhnen wir uns an die rasende Geschwindigkeit. Liegen wie Bratheringe auf den Kaffeesäcken in der Sonne.
Das Frühstück besteht aus Konservenwurst und corned-beef. Wir essen aus der Hand. Aus der eigenen natürlich. Die linke Handfläche dient als Teller, die Finger der rechten – als Gabel. Der Frühstückskorb ist mit der Flinte in den tiefsten Gründen des Bootes verloren gegangen.
Die Ufer des Mapiri-Flusses sind malerisch, aber einförmig, sie ziehen sich auf beiden Seiten ziemlich hoch hinauf. Viel Fächerpalmen. Schmetterlinge fliegen ums Boot, setzen sich auf die blendend weißen Hemden der Balzeros, die sie augenscheinlich für duftiger halten als sie sind.
Ein »Grüner« setzt sich W. auf den Rücken, Sch. bemerkt ihn, L. fängt ihn, ich töte ihn, als einziger Besitzer eines Ätherflakons, jeder beansprucht das Eigentumsrecht. Die Geschichte von den zwei Knaben mit der Nuß in komplizierterer Lesart!
Gegen 5 Uhr langten wir auf der Hazienda von Don Carlos S. gegenüber Guanay an. Wir haben 120 Kilometer in 8 Stunden zurückgelegt ohne einen Ruderschlag zu tun. Vorläufig hat die Bootsfahrt ein Ende. Schade darum. Eine kleine vertrocknete Frau mit großen Fieberaugen und einem fieberkranken Kinde auf dem Arme empfängt uns. Ihr Mann – der »gerente« – ist in den Gommales.
Wir bekamen Tee, welch ein Labsal, amüsierten uns mit einem kleinen grünen Papagei, der in Freiheit dressiert auf Tisch und Stühlen herumspringt.
Uns werden zwei Kammern des Bambuskäfigs, ähnlich denen in Mapiri, angewiesen. Gestampfter Lehmboden. Die Wände sehr durchsichtig. Wir sehen uns nach Spinnen um, finden auch einige, aber harmlose.