Am nächsten Tage hatten wir nur zwei Stunden bis Mapiri zu reiten, einen wunderschönen Weg, die malerisch bewaldeten Bergabhänge hinunter. Wenn nur die Hitze nicht gewesen wäre, die mit jedem Schritt abwärts unerträglicher wurde. Wir hatten gedacht, in Mapiri ein stattliches Städtchen vorzufinden, da es der Hauptschlüssel zum ganzen Beni-Gebiete ist, von dem aus enorme Gummi- und Kaffeetransporte an die Küste befördert werden. Statt dessen fanden wir ein elendes Nest vor, nicht größer als eine der Haziendas, die wir verlassen hatten. Der ganze Ort hat knapp hundert Einwohner, und auch die werden, so schien es uns, nicht lange mehr leben. Alle bis auf den letzten Mann sind schwer fieberkrank. Sie sehen entsetzlich aus, diese wandelnden Leichen, gelb, vertrocknet, hager mit glanzlosen Augen und erloschenem Blick. Den traurigsten Eindruck machten die Kinder mit ihren schlaffen Körpern, dünnen Armen und Beinen und greisenhaft ernsthaftem Aussehen.

Mapiri besteht aus einer Straße, die mit flachen fensterlosen Häusern – den schon beschriebenen Bambuskäfigen – eingefaßt ist. Auf dieser Straße wuchert Unkraut, Nesseln und haushohe Disteln. Dazwischen spazieren Schweine umher und fressen die überall herumliegenden Bananenschalen. Hin und wieder sieht man ein Maultier oder einen Esel den Kopf unter dem glühenden Sonnenbrande senken. Vor einer Haustür spielt ein Indianerbube mit einem grauen langgeschwänzten Affen. Die Einwohnerschaft ist merkwürdig international. Man muß schon ein ganz verzweifelter Patron sein, um sich in diesem Fieberneste anzusiedeln. Wir trafen einen Dalmatiner dort, Chinesen und zwei Türken, deren einer durchaus seine Flinte und seine Frau verkaufen wollte. Für die Flinte fand er auch bald einen Abnehmer. Die Frau war zu teuer.

Sehr bald erfuhren wir, daß unser Plan, gleich weiter zu fahren, unausführbar sei. Es würde zwei Tage dauern, ein Boot für uns instand zu setzen. Wir wappneten uns also mit Resignation, verdoppelten und verdreifachten die Chininrationen und gingen – Schmetterlinge fangen. Hier wurde ein wunderschöner, samtgrüner, goldgemusterter Falter mit zierlichen Frackschößen das Ziel unserer Sehnsucht. Dieser »Grüne« hat uns nachher noch viel Sorgen und Aufregung gekostet, viel Anlaß zu Spott, Hohn und gegenseitigen Eifersüchteleien gegeben, kurz, unsere schlechten Instinkte entfesselt.

Unser Nachtquartier schlugen wir im Hause eines Holländers auf, eines verbitterten, fieberkranken Krüppels ohne Beine. Er besaß einen Kramladen und fuhr unwirsch auf einem vierrädrigen Holzkarren, den er sein »Automobil« nannte, hinter dem Ladentisch her und hin, wenn er sich nicht mühselig sitzend, durch den Staub schleppte. Das ganze Milieu – ein Cauchemar!

Wenigstens gab es auch hier Münchener Bier. Löwenbräu! Lauwarm freilich, Kostenpunkt zirka 6 Mark die Flasche, aber immerhin ein Labsal bei der Tropenglut. Und da weiter unten im reichen Beni-Gebiet, wie wir wußten, 10-15 Mark für die Flasche bezahlt wird, mußten wir es hier sogar billig finden.

Als wir uns abends auf unsere Feldbetten gelegt hatten und noch darüber nachdachten, wie wir uns am besten gegen die Moskitos, die Hauptträger der Infektion, schützen sollten, drangen plötzlich Laute an mein Ohr. Ich horchte hin, – kein Zweifel, das mußte eine Art Musik sein. Wenn man eine Liebhaberei hat, so läuft man ihr nach, egal, ob das auf dem Nordpol oder in den Tropen ist. Ich sprang natürlich auf und trat vor die Tür. Wundervoller Mondschein überflutet Mapiri. Selbst dieses elende Nest sieht im taghellen Silberschimmer des Tropenmondes ordentlich poetisch aus. Ich lausche, kein Zweifel, es ist irgend eine Musik zu hören, ganz deutlich lassen sich die Schläge einer großen Pauke unterscheiden. Ich werfe die notwendigsten Kleidungsstücke über und gehe den Tönen nach. Sie werden immer deutlicher, Flöten und Pfeifen sind dabei. Die ganze Sache klingt höchst sonderbar. Man wird nicht recht klug daraus, zehn Minuten vor der »Stadt« gelange ich auf eine Wiese.

Dort bietet sich mir folgendes Bild dar: mitten auf der Wiese, vom Mondlicht hell beschienen, stehen zirka fünfzehn Indianer in engem Kreise und blasen auf Tod und Leben in ihre Panspfeifen und langen Flöten hinein. Einer schlägt auf einer riesigen Trommel. Der Kerl hat Rhythmus! Sämtliche Musikanten bewegen die Oberkörper gleichmäßig im Takt. Es stellt sich heraus, daß eine »Probe« abgehalten wird zu einem Feste, das nach zwei Monaten stattfinden sollte. Ja, die Musik ist eine schwere Kunst, zumal das Orchesterspiel. Schon wollte ich fragen, ob sie nicht einen Dirigenten brauchen.

Ich setzte mich ins Gras zu einer kleinen Gruppe anderer Musikliebhaber, und endlich gelang es mir doch, mich einigermaßen in dem Chaos von Tönen zurechtzufinden. Zwei Indianer bliesen eine Melodie, wobei sie sich nach Art der alten russischen Hornmusikanten ablösten, d. h. wenn einem auf seiner Flöte ein Ton fehlte, so blies ihn der andere. Die Schnelligkeit, mit der diese Ablösung geschah, war bewundernswert. Das ist gar nicht einfach. Es kostete meinem Reisekameraden und mir heißes Bemühen, uns nachher in dieser Weise den Donau-Walzer auf zwei indianischen Panspfeifen einzustudieren. Doch das nur nebenbei. Die übrigen zehn oder zwölf Musikanten bliesen zu dieser Melodie die abenteuerlichsten Kontrapunkte, dank denen mitunter ganz merkwürdige Harmonien entstanden. Es gelang mir, im Laufe der Probe, drei Melodien nachzuschreiben. Eine davon gefällt mir mit jedem Tage besser. Ich werde sie in Europa als symphonisches Thema feilbieten.

Als ich tiefbefriedigt von diesem musikalischen Genusse heimkehrte, empfing mich in unserem Bambuskäfig eine höchst aufregende Szene. Auf einer leeren Bierflasche schwankte ein Licht, meine sämtlichen drei Gefährten mit Stöcken und Schmetterlingsnetzen bewaffnet jagten irgend einem Phantome an der Wand nach. Endlich erblickte auch ich es – eine Vogelspinne. Die scheußlichste Kreatur, die ich je in meinem Leben gesehen habe, faustgroß mit zahllosen behaarten Beinen und zwei langen krummen Zähnen am glatten Bauch, in dem wahrscheinlich schon mancher schöne Singvogel verdaut worden war. Ihr Biß ist absolut tödlich. Der tapfere Assessor erlegte sie nach langer Jagd mit einem wohlgezielten Hieb. Das Abenteuer ließ uns lange nicht schlafen, man glaubte immer wieder, die langen haarigen Beine solch eines Scheusals auf der eignen Stirn oder Hand zu spüren. Endlich begannen die Sinne sich doch zu verwirren. Die Moskitos schienen die schöne Indianer-Melodie zu summen ... Außerdem stachen sie leider auch!