Ungern, sehr ungern schieden wir von San Carlos, seinen liebenswürdigen Bewohnern und – den Schmetterlingen, die nun wieder Ruhe haben sollten.
Unser braver Don Botello war mit dem langen Aufenthalte, den wir in dem tropischen Gebiete gehabt hatten, sehr unzufrieden. Seine Maultiere, gewöhnt an die Höhenluft, vertrugen das Klima nicht und wurden von Tag zu Tag magerer und matter, obgleich sie ein faules Leben, herrlich und in Freuden, auf den saftigen Weideplätzen der Hazienda, führten. Mit einigem Bangen sahen wir die dürren Gestelle an, als sie uns am Morgen des 2. Mai vorgeführt wurden. Als wir uns aufsetzten, fürchteten wir, daß sie in die Knie brechen würden. Doch konnten wir uns keine Tierschutzverein-Sentimentalitäten erlauben. Die Kordillere mußte überschritten werden und zwar sofort und ohne Aufenthalt, das weitere Schicksal der Maultiere durfte uns nicht interessieren.
Die Befürchtung, daß der Weg, den wir ja schon kannten, auf der Rückreise langweilig erscheinen würde, bestätigte sich nicht. Im Gegenteil, die Rückreise wurde kurzweiliger und unterhaltender, als wir voraussetzen konnten, meistenteils freilich in einem Sinne, der uns nicht recht lieb war.
So mußten wir, z. B. am zweiten Tage schon um 5 Uhr morgens aus den Schlafsäcken kriechen: der »Amargurani«-Aufstieg lag vor uns. Hatten wir auf der Hinreise den Weg reichlich schlecht gefunden, so war uns der Name »Amargurani« doch etwas übertrieben erschienen, wenigstens im Vergleich zu anderen Wegstrecken, die reichlich ebenso »bitter« waren. Aber damals waren wir abwärts gestiegen. Außerdem milderten die wunderbaren ersten Eindrücke der einsetzenden tropischen Vegetation die Beschwerlichkeiten sehr erheblich. Man war viel zu beschäftigt mit allen Details des eigenartigen, für uns durchaus neuen landschaftlichen Bildes, um viel auf die Schwierigkeiten des Abstieges zu achten. Jetzt galt es, dieselbe Strecke hinaufzuklettern. Die Tropenpracht der Wälder war durch das im Mapiri-Gebiete Gesehene weit übertroffen worden, reizte das Interesse infolgedessen längst nicht im früheren Maße. Außerdem war der Weg durch die inzwischen niedergegangenen Regengüsse stellenweise buchstäblich grundlos geworden. Von Reiten war keine Rede. Vierzehn Stunden sind wir von Lorenzo Pata bis Tola Pampa hinaufgekeucht. Obgleich wir um 4 Uhr morgens aufbrachen, durfte keine Minute verloren werden, wenn wir nicht vor dem Ziel von der Dunkelheit überrascht werden wollten.
Die Witterungsverhältnisse dabei waren folgende: wir ritten in rabenschwarzer Nacht aus, die Don Botello vergebens mit einem Lichtstümpfchen zu erleuchten bemüht war. Man sah nicht die Ohren des eigenen Maultieres vor sich. Nach einer Viertelstunde ging ein Wolkenbruch auf uns nieder, wie ich ihn selbst in den Tropen noch nicht erlebt hatte. Im Nu war kein trockener Faden mehr an Roß und Reiter. Gleichzeitig brach ein Gewitter von unglaublicher Heftigkeit los. Nach jedem Schlag kniff man sich ins Bein, um sich zu vergewissern, daß man nicht verkohlt war. Für Sekunden erleuchteten die Blitze den Weg, der dann gleich darauf in dreifach verdichtete Finsternis getaucht war. Die zwei Stunden bis zum Sonnenaufgange dauerten eine Ewigkeit. Wir waren gerade am Fuße des Hauptanstieges angelangt. Das Gewitter verzog sich. Dafür begann mit dem Sonnenaufgange die Tropenglut. Als unliebsame Begleiter stiegen mit uns dicke weiße Nebeldämpfe aus dem Tal in die Höhe. Im Gebiete der Vegetationsgrenze verdichteten sie sich zu einer feuchten, undurchdringlich scheinenden Wand. Amagurani! Jetzt konnten wir die »Bitternis« Schritt für Schritt schmecken. Als wir in dem schon geschilderten »Grand Hotel« Tola Pampa anlangten, fielen wir gleich toten Ratten auf unsere Betten und hatten das Gefühl, als müßten wir die sich lockernden Muskeln mit Bindfaden an die Knochen binden.
Der Nebel verließ uns in der Höhe nicht mehr. Der beginnende Winter machte sich geltend. Das wurde uns bald noch überzeugender zum Bewußtsein gebracht. Von Injenio, dem alten Inka-Dorfe, das dieses Mal einen noch rauheren, phantastischeren Eindruck machte, begann der Aufstieg zum Yachazani-Paß. Nach drei Stunden trafen wir die ersten Spuren frisch gefallenen Schnees. Der feine Regen, in dem wir ausgeritten waren, verdichtete sich zu einem regelrechten Schneegestöber.
Der Eindruck, den die Kordillere bei solch einem Wetter macht, ist der einer fast beängstigenden, rauhen und schroffen Wildheit. Es war hundekalt. Weder Sweater noch Poncho, noch Lederjacke boten genügend Schutz gegen Frost, Wind und Schnee. Dabei das erbarmungslos langsame Begräbnistempo, in dem die Mulas den verschneiten Weg hinankrochen! Der schneidende Wind raubte ihnen augenscheinlich den letzten Rest von Atem, den sie noch hatten. Man glaubte jeden Augenblick, daß einem die Füße abfrieren würden. Absteigen war nicht ratsam, denn man hätte bis an die halben Waden im Schnee waten müssen.
Auf dem höchsten Punkte des Passes ließ das Schneegestöber nach. Die Wolken ballten sich zusammen und krönten die Bergspitzen, die uns umgaben. Der Himmel wurde klar. Eine Symphonie von Blau und Weiß ringsumher, wie man sie in solch makelloser Reinheit und Schönheit wohl selten zu sehen bekommt. Schade, daß es zu kalt war, um dieses einzigartige Bild lange zu genießen. Uns fehlten seit einigen Tagen auch die künstlichen Wärmemittel. Ein Gemisch aus Brennspiritus und Wasser war doch nur ein sehr mangelhafter Ersatz für Whisky und Kognak.
Abgestiegen und im Laufschritte hinunter! Die Wärme, nach der wir uns so sehnten, wurde uns bald im Übermaße zuteil. Die fünf Stunden Abstieg vom Yachazani-Paß nach Sorata bringen einen in dieser Jahreszeit aus Eis und Schnee direkt in die Tropentemperatur von 30-35 Grad Celsius – ein Temperaturwechsel, wie man ihn schärfer anderswo kaum erleben kann. Ein Kleidungsstück nach dem anderen wurde den Mulas aufgeladen, bis das Tropen-Déshabillé glücklich wieder erreicht war.
Kurz vor Sorata, beim Passieren eines Indianerdorfes, hatten wir Gelegenheit, das höchst interessante Leben und Treiben bei einer indianischen Festlichkeit mitanzusehen. Es wurde eine Hochzeit gefeiert. Das gibt sämtlichen Bewohnern des Dorfes Anlaß, nicht mehr und nicht weniger als eine volle Woche lang sich unentwegt zu betrinken und ebenso unentwegt zu tanzen. Was die Indianer im Tanzen leisten können, grenzt ans Unwahrscheinliche. Es gibt Burschen, die von Sonnenaufgang bis zur Dunkelheit in unausgesetzter Bewegung sind. Eine Art Extase, ähnlich dem Delirium der indischen Drehderwische, scheint sie zu überkommen. In Gruppen von zehn bis fünfzehn Mann drehen sie sich in langsamen gemessenen Bewegungen, deren Tempo nur selten gesteigert wird, im Kreise und um die eigene Achse herum. Sie sind alle im Festtagskleide, oder irgend einem spezifisch indianischen, phantastischen Maskenanzuge. Hier ist eine Gruppe im herrlichsten Federschmuck, auf dem Kopf ein meterhoher Aufputz von vielfarbigen Papageifedern, der Oberkörper nackt, von der Taille bis zu den Knien wieder eine Art Ballettröckchen von grellgrünen oder roten, in dichten Kränzen aneinandergefügten Federn. Dort eine andere Gruppe hat sich mit Tigerfellen geschmückt. Sie haben eine Art Panzer aus den harten Fellen gebogen, der in Beulen von Rücken, Schultern und Brust absteht, die Beine stecken in Hosen und nur die Rückseite ist mit einer mächtigen grünen Federtournüre ausgestattet. Die Kerls sehen aberwitzig aus, drehen sich stieren Blickes in die Runde, wobei sie sich auf langen Flöten eine grauenhaft mißtönende Musik selber liefern.