Die ganze Fahrt über hat man die herrlichste Hochgebirgs-Landschaft vor Augen. Ein Panorama mit den charakteristischen, schon oft geschilderten Farbenspielen der Kordillere. Hier ist die Färbung vorzugsweise hellrosa oder rötlich braun. Weite Strecken des Gerölls sind mit feinem hellgrauen Sande bedeckt. Es sieht aus, als hätte man Decken aus zartestem schwedischen Leder über die Berge gebreitet. In einigen Talkesseln fegt der Wind diesen Sand zusammen, und es bilden sich merkwürdige Hügel, die einander so genau gleichen, als seien sie aus einer Form gegossen. Sie ähneln den Kratern kleiner Vulkane, oder den Brustwehren alter Burgen, denn von einer Seite – woher der Wind weht – sind sie offen. Natürlich wird diese Menge von Flugsand dem Bahnbetriebe oft gefährlich.

Der Zug hält auch bei den wichtigsten Stationen, den Schwefelbädern Jura und der peruanischen »Großstadt« Arequipa nur wenige Minuten.

Arequipa ist im fruchtbarsten Teil des peruanischen Küstengebietes gelegen (immerhin noch 2500 Meter hoch). Hier fließen eine ganze Menge kleiner Gebirgsflüsse zusammen. Man kann ihren Lauf vom Eisenbahnwagen aus weithin verfolgen. Gleich schmalen grünen Bändern ziehen sie sich durch das öde, unwirtliche Gestein. Fast unwahrscheinlich wirkt dank seiner absolut regelmäßigen, geradezu mathematisch genauen Kegelform der schneebedeckte Vulkan Misti, der das Landschaftsbild von Arequipa krönt.

Ein grauenvolles kleines Nest ist die sonnendurchglühte Hafenstadt Mollendo. Hier muß man seine Ansprüche auf Komfort auf ein nicht mehr zu unterbietendes Minimum herunterschrauben.

In der Stadt selbst und in ihrer Umgebung fehlt, ebenso wie in den chilenischen Küstenstädten, jede Spur vegetativen Lebens. Die Sonnenstrahlen prallen überall auf nacktes Gestein und strahlen mit verdoppelter Glut zurück. Ganz wundervoll ist hier allerdings die Ozeanbrandung, die himmelhoch über das weit in die See hineingebaute Hafenbollwerk herüberschäumt.

So schön die Wellen der Brandung aus der Entfernung aussehen, so wenig angenehm sind sie, wenn man sich auf ihnen schaukeln muß. Und das muß man leider.

Die Küstendampfer ankern weit draußen auf der Reede. Kleine Ruderböte, die wie Nußschalen auf den majestätisch dem Ufer zurollenden Wogen herumtanzen, besorgen den Verkehr mit dem Hafen. Nie in meinem Leben habe ich eine ungemütlichere Ruderpartie gemacht. Die Böte haben außer dem Ruderknecht noch eine andere ständige Bemannung: ein bis zwei Knaben, die das immerfort hereinschlagende Wasser ausschöpfen. Eine nicht geringe Geschicklichkeit gehört auch dazu, um zu verhindern, daß das Boot beim Anlegen an die Falltreppe des Dampfers umkippt oder zerschellt. Als ich das gehörig schwankende Deck der »Orissa« betrat, kam es mir nach dieser fürchterlichen Ruderpartie vor, als hätte ich endlich wieder festen Boden unter den Füßen.

Die Küstenfahrt bietet keinerlei neue Eindrücke, sondern immer nur dasselbe Bild, das wir von der Fahrt zwischen Valparaiso und Antofogasta her schon genugsam kannten. In zwei Tagen brachte uns die »Orissa« nach Callao.

Callao ist der Hafen der peruanischen Haupt- und Residenzstadt Lima. Hier zum ersten Male zeigt die pazifische Küste Süd-Amerikas ein etwas freundlicheres Aussehen. Mit Behagen ruht das Auge auf dem saftigen Grün der üppigen tropischen Vegetation, die sich bis dicht an den Ozean hinzieht.

Callao und Lima sind durch eine elektrische Bahn verbunden. Die Fahrt dauert eine knappe halbe Stunde. Von allen Städten der Westküste Süd-Amerikas ist Lima ohne Frage die europäischste. Breite, gutgepflasterte Straßen, konventionelle Regierungsgebäude, anständige Hotels, vorzügliche Läden, Droschken im Stil der Wiener Fiaker, Automobile, gute Restaurants, in denen die Speisenzubereitung nach den bolivianischen Stiefelsohlen geradezu raffiniert, lukullisch erscheint. Alles in allem: recht kulturell, aber – uninteressant.