Man findet unter den Verbrecher-Physiognomien außerordentlich interessante Gesichter. Man möchte gerne einen oder den anderen Kopf genauer betrachten. Und es reizt einen natürlich, die Geschichte der betreffenden Personen kennen zu lernen. Das ist dem Beschauer übrigens leicht gemacht. Neben der Photographie befindet sich eine zweite Karte, die nicht nur das Signalement des Verbrechers enthält, sondern auch eine kurze Angabe der Art und der Zahl seiner Verbrechen. Neben Raubmördern finden sich dort harmlose Hochstapler, neben Dieben und Wechselfälschern – Heiratsschwindler und Falschmünzer. Eine Nummer auf der Karte verweist einen an einen der Schränke des nebenanliegenden Archivs. Dort findet man in dem betreffenden Schubfache nicht nur das ganze Aktenmaterial, sondern auch alle Zeitungsnotizen über den betreffenden Verbrecher und alle Darstellungen, die seine Schandtaten in der Presse gefunden haben. Oft ist es eine ganze kleine Bibliothek, die zu diesem oder jenem Verbrecherkopf gehört. Wieder eine andere Nummer gibt die Stelle an, wo man das genaue Signalement des Mannes, die Resultate der an ihm vorgenommenen anthropometrischen Messungen und die Photographie seiner Fingerabdrücke finden kann. Überall herrscht eine so musterhafte Ordnung, daß sich jeder Laie sofort zurechtfinden kann, ohne fremder Beihilfe zu bedürfen.

Ein Kapitel für sich bilden die Fingerabdrücke. Der uns begleitende Kriminalbeamte konnte sich nicht genug tun in Lobpreisungen dieses angeblich unfehlbaren Mittels zur Diagnostik von Verbrechern. Das Liniensystem der Fingerspitzen ist jetzt minutiös klassifiziert. Mit kabalistisch anmutenden Zahlen und Buchstaben kann jeder Fingerabdruck aufs genaueste rubrifiziert werden. Das erleichtert nachher seine Auffindung unter dem schon vorhandenen Material sehr erheblich. Unser Führer zeigte uns nachher die Abdrücke eines Zeige- und Mittelfingers, die kürzlich am Tatort eines Verbrechens an einem silbernen Eßlöffel nachgewiesen worden waren und die zur unfehlbaren Identifizierung des Verbrechers – es handelte sich um einen ganz scheußlichen Raubmord – geführt hatte. Wenn man sich das Gewirr der Linien eines Fingerabdrucks unter der Lupe betrachtet, wird allerdings ohne weiteres klar, daß eine genaue Wiederholung dieses komplizierten und bizarren Labyrinths an einem anderen Finger unmöglich ist. Leider sind jetzt nur schon viele amerikanische Verbrecher so schlau, in Handschuhen zu »arbeiten«.

Eine höchst wichtige Rolle im amerikanischen Kriminalwesen spielen die Detektivs. Es wimmelt in New York von Geheimpolizisten. Auf Schritt und Tritt begegnet man allerhand Nick Carters und Nat Pinkertons aus Fleisch und Bein.

In allen Theatern und großen Kaufläden, auf den Bahnhöfen, in den Stadtbahnzügen, an allen öffentlichen Plätzen und in sämtlichen großen Hotels sind sie in Massen zu finden.

In der Halle des »Astor-Hotels« lernten wir sie, durch den Direktor aufmerksam gemacht, bald von anderen Hotelgästen unterscheiden. Mit einem, der ganz besonders vertrauenerweckend aussah, befreundeten wir uns sogar. Der Mann erzählte so viel Interessantes von seiner Tätigkeit, daß in meinem Reisekameraden und in mir der Wunsch erwachte, das Feld seiner früheren Tätigkeit, d. h. die eigentliche Verbrecher-Gegend New Yorks kennen zu lernen. Daraufhin machte uns der Brave den Vorschlag, uns eine Nacht in den verrufensten Stätten des dunkelsten New York herumzuführen. Nachdem uns die Hotel-Administration versichert hatte, daß wir uns dem Mann ruhig anvertrauen könnten, nahmen wir diesen Vorschlag mit Freuden an.

Am nächsten Abend um 12 Uhr fuhr das Auto vor, und los ging es – ins dunkelste New York. Dieser Ausdruck gilt zunächst im buchstäblichen Sinn des Wortes. Durch eine Reihe von miserabel erleuchteten Straßen erreichten wir das Neger-Viertel der Stadt. Das größte Kontingent der Verbrecher in den Vereinigten Staaten ist unter den Schwarzen zu suchen. Wenn man sieht, wie diese Leute behandelt werden, kann man es ihnen eigentlich nicht übel nehmen, daß sie von Haß und Rachedurst gegen die Weißen erfüllt sind. Der weiße Amerikaner sieht den Neger nicht als Menschen an, sondern als inferiores Wesen, vor dessen Berührung ihn ekelt. Ich lernte in New York eine alte Dame kennen, die täglich die unzähligen Treppenstufen zu ihrer im achten Stockwerk gelegenen Wohnung hinauf keuchte, weil sie es für nicht vereinbar mit ihrer menschlichen Würde hielt, den Lift zu benutzen, der von einem Negerboy bedient wurde. Doch das nur nebenbei.

Dieser Horror vor allem, was ein »colored man« ist, zwingt die Neger, in dem für sie reservierten Stadtviertel zu leben und zu sterben. Wir suchten zuerst eine Negerkneipe dritten Ranges auf. Unser Nick Carter schien dort wohlgelitten zu sein. Der Wirt empfing ihn mit ausgesuchter Höflichkeit. Es ging in dem Lokal etwas laut, aber keineswegs anstößig zu. In der Mitte des ziemlich kleinen Raumes drehten sich einige Negermädchen und -burschen im Tanz. Die Musik dazu lieferten ein schwarzer Pianist und zwei ebenso schwarze Gitarristen. Sie eroberten meine Sympathien sofort. Ich habe eine große Schwäche für die originellen Rhythmen der Negermelodien. Sie enthüllen ihren ganzen Reiz aber erst, wenn man sie von Negern selbst spielen hört. Diese Selbstverständlichkeit und Elastizität der stets synkopierten Rhythmen bringt ein Europäer nie und nimmer heraus, er mag noch so musikalisch sein. Furchtbar aber ist es, wenn die Neger anfangen zu singen. Leider tat das eine anwesende Negermaid. Sie hatte, wie alle ihre Stammesgenossen, eine grauenhafte Stimme, ein Mittelding zwischen einem schlecht geschmierten Wagenrad und einem verbeulten Gießkannenrohr. Trotzdem erntete sie beim anwesenden Publikum rauschenden Beifall.

Wir waren die einzigen Weißen, und wurden von den Nebentischen aus scheel angesehen. Die Zuvorkommenheit des Wirtes, der uns selbst bediente, mag die Unzufriedenen im Zaum gehalten haben. Wenn man die Neger en masse beisammen sieht, kann man den animalischen Vorzügen ihrer Rasse seine Bewunderung nicht versagen. Es ist ein Vergnügen, diese tadellos gebauten Gestalten anzusehen, deren Muskelkraft legendarisch ist. Auch die Gesichter der nordamerikanischen Neger sind nicht häßlich. Die Nasen freilich sind nicht gerade von römischem Schnitt, doch fehlen die abstoßenden Lippenwülste der afrikanischen Schwarzen.

Weiße siedeln sich im Neger-Viertel von New York nur ausnahmsweise an. Es gibt nur wenige Weiße, die die Neger gerne unter sich dulden. Dazu gehören alle Personen, die irgend etwas mit der Boxerwelt zu tun haben. Der Box ist das Gebiet, auf dem sich Weiße und Schwarze am besten verstehen, vielleicht weil sie sich dabei von Zeit zu Zeit gegenseitig halb oder ganz totschlagen können. Der »berühmte« Ex-Boxer Tom Charkey, in gewissen Kreisen New Yorks eine der populärsten Persönlichkeiten, der in seinen besten Zeiten sogar »den« Joe Jeffries umgelegt hat, besitzt ein Café im Neger-Viertel New Yorks. Ihm galt unsere zweite Visite.

Im kleinen Lokal wimmelte es von Gestalten, denen man sonst wahrscheinlich mit großem Bogen aus dem Wege gegangen wäre. Der berühmte Mann empfing uns mit huldvoller Herablassung, spie einen langen braunen Strahl – das Resultat eifrigen Tabakkauens – hinter den Ladentisch, unbekümmert darum, wohin er traf und setzte uns dann, ohne sich nach unseren Wünschen erkundigt zu haben, eine Flasche Sekt auf den Tisch. Die trank er dann nachher mit großem Wohlbehagen selbst aus. Der Mann war überhaupt klassisch. Er war so durchdrungen von der Unwiderstehlichkeit seiner Erscheinung, daß er es nicht für nötig befand, irgend etwas zu äußern. Er saß da, stumm und großartig, spuckte von Zeit zu Zeit aus und ließ sich bewundern. Doch bewunderten wir mehr die Tragfähigkeit seines Stuhles, der unter dieser unglaublichen Last nicht zusammenbrach. Unnachahmlich war die Geste, mit der er in gemessenen Zeitabständen stumm und ernst seinen Arm über den Tisch herüberreichte, um uns seinen Bizeps befühlen zu lassen, wobei er wahrscheinlich erwartete, daß wir in Krämpfe des Entzückens und der Bewunderung verfallen würden. Wer beschreibt unser Erstaunen, als zu der leisen Musik eines unsichtbaren Orchesters dieser Mann plötzlich zu singen anfing, und zwar mit einem zittrigen dünnen Fistelstimmchen, das aus dem Mund eines schwachen Kindes zu kommen schien. Ihn selbst rührte sein Gesang so, daß ihm eine Träne über das Gebirge seiner Backe lief. Es war augenscheinlich der letzte Trumpf, den er wohlüberlegt ausspielte, um uns endgiltig aus der Fassung zu bringen. Das gelang ihm auch, aber in einem Sinne, der ihm schwerlich lieb war. Zwei Kouplets konnte ich mit dem nötigen Ernst anhören, doch als ich beim dritten die verzweifelten Muskelspannungen in meines Gefährten Gesicht bemerkte, war meine Fassung tatsächlich dahin. Ich mußte aufspringen und mich auf die Straße retten, sonst wäre ich zweifelsohne in nähere Berührung mit dem soeben befühlten Bizeps geraten.