Nun brachte uns das Auto quer durch New York in noch entlegenere Gegenden. An einer Straßenecke hielt es. Den Rest des Weges mußten wir, um nicht aufzufallen, zu Fuß zurücklegen. Auf den Rat des Detektivs hatten wir uns schon beim Antritt dieser Fahrt bemüht, unserm Aussehen einen etwas rowdyhaften Anstrich zu geben. Nun zogen wir die Mützen noch tiefer herab, schlugen die Rockkragen hoch und schlichen an den Wänden entlang durch die dunklen Gassen. Hin und wieder begegneten uns ähnliche Gestalten, die jedoch den Vorzug der Echtheit hatten.
Vor einem Hoftor blieb unser Führer stehen. Nach langem vorsichtigen Klopfen wurde uns geöffnet. Der sehr wenig einladend aussehende Zerberus ließ uns herein, nachdem sich unser Führer ausgewiesen hatte. Durch eine kleine Hintertür betraten wir ein geräumiges Schenkzimmer. Am liebsten wären wir freilich sofort wieder umgekehrt. Ein lebendig gewordenes Verbrecher-Album aus dem Kriminalamt schien den Raum zu bevölkern. So in Freiheit vorgeführt sind die Verbrecherfratzen doch sehr viel weniger anziehend, als auf dem schönen Glanzpapier der Photographie. Wir drückten uns scheu in eine Ecke mit dem schlechten Gewissen unbefugter Eindringlinge. Man sollte das Hausrecht jeder Gesellschaftsklasse respektieren. Übrigens wurden wir überhaupt nicht beachtet. In dem ganzen Lokal herrschte Totenstille. Die Leute saßen einzeln und in Gruppen um die schmutzigen viereckigen Tische und stierten teilnahmslos vor sich hin. Wir befanden uns dort, wofür Gorki den wunderbar treffenden unübersetzbaren Ausdruck »na dnje« (auf der Neige) gefunden hat. Gewesene Menschen umgaben uns. Ihr erloschener Blick verriet keine Möglichkeit von Initiative mehr, nicht einmal zu einem neuen Verbrechen. Die meisten saßen im Halbschlaf da, nur wenige hatten ein Riesenglas Bier vor sich stehen, das dort wohlfeil und schlecht zu 5 Cents verschenkt wird. Unser Führer bedeutete uns, daß die Besucher dieses Lokals ungefährlich, obgleich der Polizei wohlbekannt seien. Es waren »gewesene« Verbrecher, deren Energie durch lange Zuchthausstrafe endgiltig gelähmt war, oder die einfach zu alt waren, um neue Schandtaten auszuhecken. Der Detektiv holte einige an unseren Tisch heran und für ein Glas Bier erzählten die Leute bereitwillig aus ihrem vielbewegten Leben. Ich müßte ein Buch schreiben, wollte ich ihre zum Teil hochinteressanten Erzählungen wiederholen.
An einem der Nebentische war mir von Anfang an die Gestalt eines älteren Mannes aufgefallen, der mit einem trotzig-verächtlichen Ausdruck vor sich hinstarrte und unserem Erscheinen nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Wäre er nicht so unrasiert gewesen und hätte er einen weniger zerrissenen Rock und einen weniger schäbigen Hut gehabt, so hätte man in ihm ebenfalls einen neugierigen Besucher vermuten können. Ja, mehr als das. Der Mann sah richtig vornehm aus und hatte ein ganz außerordentliches intelligentes Gesicht. Ich fragte unsern Detektiv, ob er ihn nicht kenne. Freilich kannte er ihn. Vor zehn oder fünfzehn Jahren war dieser Bettler eine der geachtetsten Persönlichkeiten der New Yorker haute volée, Bankdirektor und ein schwer reicher Mann. Infolge einiger mißlungener grandioser Spekulationen wurde er Wechselfälscher, kam ins Zuchthaus und jetzt saß er hier. Nur widerwillig folgte er der Einladung an unseren Tisch. Er sprach kaum ein Wort, nahm aber dankend ein Glas Bier an, da er sich selbst keines bezahlen konnte. Es machte einen niederdrückenden, trostlosen Eindruck, in dieser Umgebung einen Menschen zu finden, der in jeder Geste den Gentleman verriet und der sich mit einer gewohnheitsmäßigen Bewegung den schmutzigen Kragen zurechtschob, als er an unseren Tisch trat. Zu helfen war diesem Manne nicht, der jetzt nichts mehr sein konnte, als ein wandelndes Beispiel der Unerbittlichkeit und Grausamkeit amerikanischer Lebensverhältnisse. Dennoch verstand ich nur zu gut die Gefühlsregung meines Gefährten, der gerade diesem Manne, als wir weggingen, seine ganze Barschaft heimlich in die Rocktasche steckte.
Im nächsten Lokal, das wir aufsuchten, ging es vergnügter zu. Von den »gewesenen« kamen wir zu den gegenwärtigen Verbrechern. Auch hier galt es, verschiedene Präliminarien zu erledigen, bevor wir – wieder durch eine Hintertür – in eine Restaurationsstube hineingelassen wurden, in der eine ausgelassene Fröhlichkeit herrschte. Im dichten Tabaksqualm war anfangs nichts zu unterscheiden. Eine wenig liebenswürdige Gestalt – vielleicht ein Meuchelmörder oder Leichenschänder – klimperte auf einer Mandoline, einige junge Burschen stampften dazu einen wilden Niggertanz. Unser Erscheinen wurde mit Halloh begrüßt. Natürlich waren wir sofort als »outsider« erkannt, trotz der aufgeklappten Rockkragen und der Apachenmützen. Vor dem Detektiv, der natürlich auch allen bekannt war, hatte man nicht die geringste Scheu. Hier waren die Verbrecher bei sich zu Hause. Um einen von ihnen herauszuholen, dazu hätte es schon eines beträchtlichen Polizeiaufgebots bedurft, ein einzelner Geheimpolizist flößte ihnen keinen Respekt ein. Da wir in der Minderzahl waren, beschlossen wir, uns mit den Herrschaften gut zu stellen, und ließen eine Runde Bier für die ganze Gesellschaft auffahren. Wir wurden reichlich belohnt. Es wurden uns zu Ehren Tänze aufgeführt und Lieder gesungen, die wir sonst sicherlich nie in unserem Leben zu sehen und zu hören bekommen hätten. Überhaupt kann ich nicht verhehlen, daß die New Yorker Apachen, wenigstens die jüngeren Jahrgänge, unter sich ein höchst unterhaltendes und gar nicht unsympathisches Völkchen sind, d. h. solange sie einem nicht an die Gurgel fahren und die Hände in den eigenen Taschen lassen. Daß sie die gesellschaftliche Ordnung nicht respektieren, ist schließlich ihre Privatangelegenheit.
Nicht ohne Freundschaftsbeteuerungen nahmen wir von den Galgenvögeln, deren Gesellschaft wir bald genugsam genossen hatten, Abschied. Ihre abgefeimten Gaunerphysiognomien bemühten sich dabei, ehrbar und anständig zu blicken, was jedoch nur mangelhaft gelang. Auf den Straßen dieser Gegend war uns entschieden ungemütlicher zumute, als in der verräucherten Kneipe. Das lichtscheue Gesindel, das unseren Weg auf Schritt und Tritt kreuzte, sah sehr wenig vertrauenerweckend aus. Als wir wieder im Auto saßen, fühlten wir uns in Sicherheit.
Die nächste Station war an der Peripherie der Chinesenstadt. Wieder hieß es aussteigen und ein Gewirr von Gassen und Gäßchen zu Fuß durchwandern. Vor einem finsteren alten Hause blieb unser Führer stehen. Wir traten durch das offene Hoftor ein. Durch dunkle Korridore, über schmale Stiegen ging es immer tiefer ins alte Haus hinein. Wir mußten leise auftreten. Endlich wurde Halt gemacht. Wir befanden uns in einem schmutzigen Flur, der durch eine Petroleumlampe – welch ein Anachronismus anno 1913 in New York! – nur spärlich erleuchtet wurde. Der Detektiv klopfte an eine kleine Tür. Nach geraumer Zeit wurden dahinter schlürfende Schritte laut. Ein schmaler Spalt öffnete sich. Als der Detektiv irgend ein geheimnisvolles »Sesam, Sesam, tue dich auf« hineingeflüstert hatte, wurde er breiter. Eine alte Schlampe, auf deren Gesicht alle sieben Totsünden verzeichnet standen, ließ uns eintreten.
Ein merkwürdig penetranter süßlicher Geruch schlug uns entgegen. Die Bestimmung des Raumes, der uns aufnahm, ließ sich nicht feststellen. Es war ein Mittelding zwischen Küche, Vorzimmer und Rumpelkammer. Auf dem Fußboden lagen zerschlagene Flaschen und zerbrochenes Geschirr, an den Wänden hingen allerhand phantastische Kleidungsstücke. Was sich sonst noch darin befand, ließ sich im mystischen Halbdunkel nicht unterscheiden. Das alte Scheusal von Türhüterin führte uns stumm in den nebenanliegenden Raum. Dort bot sich uns ein höchst eigenartiges Bild, wie man es sonst nur in bösen Träumen sieht. Die eine Hälfte des winzig kleinen Zimmers nahm eine mit weichen Kissen belegte Ruhebank ein. Darauf lagen zwei Chinesen und eine Frau mittleren Alters. Zwischen ihnen standen zwei Tabletts mit allerhand geheimnisvollen Gerätschaften, auch zwei trübe brennende Öllampen, die als einzige Beleuchtungskörper dienten. Die Luft war von demselben süßlichen aber nicht unangenehmen Geruch geschwängert.
Opium! Der eine Chinese regte sich nicht mehr. Vielleicht schlief er. Aber auch der andere verriet nicht die geringste Anteilnahme an dem, was um ihn herum vorging. Mit einer ganz mechanischen Bewegung griff er von Zeit zu Zeit nach einem Glasstäbchen, tauchte das in ein Flakon mit der braunen Opium-Salbe, hielt es ohne hinzusehen über die Flamme der Lampe, wo sich das Opium aufblähte, drehte dann ebenso mechanisch und teilnahmslos eine Pille, steckte sie in seine Pfeife, die den Kopf merkwürdigerweise in der Mitte hatte, und sog in fünf bis sechs langen Zügen mit einem ekelhaft schnarchenden Geräusch den giftigen Rauch ein. Dann sank er wieder erschlafft in die Kissen zurück, um nach fünf Minuten dieselbe Prozedur zu wiederholen. Genau dasselbe tat seine Nachbarin, die übrigens ihrer Kleidung nach entschieden den besseren, wenn nicht gar den sehr guten Ständen New Yorks angehören mußte.
Der Chinese reagierte auf keinerlei Fragen. Dagegen zog mich die Dame, die neben ihm lag, selbst in ein Gespräch. Sie pries das Opium als das einzige Ding, das das Leben lebenswert mache. Sie selbst rauchte seit einigen Monaten und behauptete, seither der glücklichste Mensch der Welt zu sein. Jetzt lag sie seit einigen Tagen auf dieser Ruhebank, nahm fast gar keine Nahrung zu sich, schlief wenig, befand sich aber immer in einem Dämmerzustande, der ihr die höchsten Glücksempfindungen vortäuschte. Einen Rausch stellte sie in Abrede. Das sei durchaus nicht die Wirkung des Opiums. Man verliere nicht für einen Augenblick die Besinnung, genieße aber unausgesetzt das höchste körperliche und seelische Wohlbehagen. Man liebt alle Menschen, fühlt sich von allen geliebt, glaubt edel, gut und tugendhaft zu sein und verlangt vom Leben nichts weiter, als – eine Pfeife und ein Flakon von dem süßen braunen Gift.
Je länger man die Opiumdünste einatmet, desto verführerischer erscheint einem der Geruch. Nur mit Mühe konnte ich der Versuchung widerstehen, einige Züge aus der mir angebotenen Pfeife zu entnehmen.