Als ich während eines der ersten Tage meines Aufenthalts in New York den Broadway passierte, kam ich in der Nähe des Brooklyn-Squares buchstäblich nicht vorwärts und nicht rückwärts mehr. Der ganze riesengroße Platz war von einer vieltausendköpfigen Menschenmenge dicht bestanden. Auch in allen Querstraßen stauten sich die Passanten. Alle hatten die Köpfe erhoben und starrten in derselben Richtung auf die Fassade eines Wolkenkratzers. Von Zeit zu Zeit ging ein Gemurmel des Unwillens durch die Menge, oder sie wurde von Ausbrüchen des Entzückens bewegt. Nachdem ich das alles eine Zeitlang verständnislos mitangesehen hatte, entdeckte ich endlich die Zielscheibe aller Blicke. An besagtem Wolkenkratzer, ungefähr in der Höhe der sechsten Etage war eine viereckige grüne Tafel angebracht, die man auf den ersten Blick für einen aufrecht gestellten Billardtisch halten konnte. Auf dieser Tafel bewegten sich mit großer Geschwindigkeit einige weiße und blaue Pflöcke sowie eine kleine weiße Kugel hin und her.

Ein freundlicher Straßenjunge lieferte mir die Erklärung zu diesem Schauspiel, an dem ich vorderhand nichts Bemerkenswertes oder gar Interessantes entdecken konnte. Er erklärte mir, daß die weißen Pflöcke die »Geants« seien und die blauen die »Yankees« und daß die weiße Kugel einen Ball vorstelle, und das Ganze – einen base-ball-Match, der soeben 60 Kilometer außerhalb New Yorks ausgespielt werde. Der Gang des Spieles, jeder Ballwurf und jeder Schlag wird telephonisch übermittelt und auf elektrischem Wege auf der grünen Tafel reproduziert. Echt amerikanisch. Auf diese Weise kann man sich das Wettspiel ansehen und doch die Fahrkarte zum Spielplatz sparen.

Da jeder der Zuschauer natürlich seinen Favoriten hatte, dessen Schicksal mit gewetteten 10 Cents bis 10 und mehr Dollars eng verknüpft war, so wurden auch die das Spiel begleitenden Ausrufe psychologisch verständlich.

In New York und Umgegend sind eine ganze Anzahl wundervoller base-ball-Spielplätze gelegen. Enorme Tribünen in amphitheatralischer Anordnung, auf denen 10-15 000 Zuschauer Platz haben, schließen die Rasenfläche, auf der gespielt wird, ein. Jeden Tag wird irgend ein Match ausgefochten, und die Tribünen sind fast immer spickevoll besetzt. Wo in New York die vielen Tagediebe herkommen, die von 3 bis 6 nichts zu tun haben, als base-ball-Spiele anzusehen, bleibt rätselhaft.

Das Spiel, für das die Amerikaner sich so begeistern, ist eigentlich nichts anderes, als ein qualifiziertes »Ballschlagen«. Nur ist es gefährlicher. Denn der steinharte Ball fliegt aus der Hand der Spieler mit der Geschwindigkeit und Kraft einer Büchsenkugel. Die Zuschauer sind durch ein feinmaschiges Netz, das vor den Tribünen aufgespannt ist, vor ihm geschützt. Es gehört eine unfaßliche Geschicklichkeit dazu, den Ball in seinem rapiden Fluge mit einer kurzen flachen Keule abzuschlagen, und ihn dabei so gut zu treffen, daß man Zeit zu einem »run« in eine der vier Ecken des Grenzgebietes findet, bevor der Ball, mit kolossaler Geschwindigkeit von Hand zu Hand geschleudert, dort eintrifft.

Die Begeisterung, die das amerikanische Publikum dem base-ball-Spiel entgegenbringt, hat es zu einem höchst lukrativen Geschäft gemacht. Der Kapitän des berühmten Kommandos »Yankees« bezieht ein Ministergehalt, nämlich 30 000 Dollar im Jahr. Die Bedeutung, die dieses Spiel in Amerika hat, erkennt man schon daraus, daß alle amerikanischen Zeitungen an erster Stelle d. h. dort wo in vernünftigen Blättern die Leitartikel stehen, die Resultate sämtlicher base-ball-Spiele buchen, die am vorhergehenden Tage in den Vereinigten Staaten abgehalten worden sind.

Die Sport-Spiele, mit denen sich der amerikanische »gentleman« selbst befaßt, sind Polo und Golf. Sie sind schon deswegen in Amerika beliebt, weil es die teuersten aller Arten von Rasensport sind. Am Tage nach meiner Ankunft in New York wurde dort das Match zwischen dem besten amerikanischen und dem besten englischen Polo-Kommando ausgetragen. Das Interesse dafür war, natürlich nur auf Grund der abgeschlossenen Wetten, ein ganz außerordentliches. Die Billett-Aufkäufer, die ihr Unwesen in New York genau ebenso dreist und unverfroren treiben, wie anderswo, verlangten 50 Dollars und mehr für einen annehmbaren Sitzplatz. Am Tage des Matches war auch für diesen Preis keine Eintrittskarte mehr aufzutreiben. Doch konnte man die Aufregungen dieses Wettspiels in der Stadt genießen, ohne nach dem Polo-Ground hinauszufahren, denn der Gang des Spieles wurde alle fünf Minuten auf Riesenplakaten an den Wolkenkratzern der New Yorker »Times« und des »Herald« bekannt gegeben. Von der dichtgedrängten Menschenmenge, die diese Gebäude umstand, wurde jedes »Goal« der Amerikaner mit frenetischem Beifall, jeder Erfolg der Engländer mit ohrenbetäubendem Pfeifen und Johlen begrüßt.

Dem Golf huldigen die New Yorker Millionäre in reiferen Jahren ausnahmslos. Die nähere Umgebung von New York macht den Eindruck, als bestehe sie nur aus »Golf-Greens«. Mehr als hundert Golf-Klubs haben hier ihre ideal gepflegten Spielplätze. Überall sieht man die samtweichen, kurz geschorenen Rasenflächen, sauber beschnittene Hecken, künstliche Hügel, durch Wiesen geleitete Wasserläufe mit künstlich hergerichteten Ufern aus feinem, weißen Seesand. Dort erholen sich die »business«leute von des Tages Last und Mühe. Die wundervolle Besitzung Rockefellers am Ufer des Hudson-River scheint auch ein einziger großer Golfplatz zu sein. Dieses Spiel ist bekanntlich die einzige Leidenschaft des »reichsten Mannes der Welt«, der von seinem Boy begleitet stundenlang den kleinen, weißen Ball aus einem Loch ins andere treibt.

Eine eigentümliche Stellung nimmt in Amerika der Box ein. In dem Staate New York ist er seit einigen Jahren verboten, weil bei den durch Rassenhaß geschürten Boxer-Kämpfen zwischen Negern und Weißen alle Augenblicke ein Totschlag zu registrieren war. Dieses Verbot stört jedoch die findigen Amerikaner keineswegs, mindestens zweimal in der Woche auch in New York die aufregendsten Boxer-Kämpfe zu inszenieren. Man nennt sie offiziell »exhibitions«, und angeblich werden auf diesen »Ausstellungen« nur die Griffe, Stöße und Schläge des regelrechten Box theoretisch und praktisch demonstriert. In Wahrheit jedoch vollziehen sich genau dieselben Kämpfe wie andernorts, es werden genau ebensoviele Physiognomien zerschlagen und kommen die gefährlichsten »knock-out's« vor. Nachher heißt es dann, das sei »aus Versehen« passiert, Staat und Polizei fallen auf diesen Bluff mit der gleichen Grazie hinein.

Die sportlichen Veranstaltungen stehen unter den Vergnügungen, die New York im Sommer bietet, an erster Stelle. Die übrigen Amüsements sind noch minderwertigerer Art. Die Kunst schweigt vollständig. Aber schließlich ist es ja anderswo während der Sommerzeit auch nicht besser. In keinem einzigen ernsthaften Theater wird gespielt. Es gibt im Sommer weder Oper noch Schauspiel in New York.