In den Varieté-Theatern werden »Revuen« aufgeführt, die zum Teil mit fabelhaftem Luxus inszeniert sind und bei denen der mit Recht so beliebte »amerikanische Humor« oft zu unwiderstehlicher Wirkung gelangt. Man verläßt diese Theater meist mit Muskelschmerzen im Gesicht. Übrigens zeigt es sich, daß die Amerikaner bei dem leichten Genre von Musik, die diese Vorstellungen begleitet, höchst Anziehendes zu erfinden und zu gestalten verstehen. »Pikant« ist die Bezeichnung, die auf die Melodik, Rhythmik und Harmonik dieser amerikanischen Musik in gleicher Weise anwendbar ist. Ich habe einige der amerikanischen Revuen aus diesem Grunde zwei und mehr Male mit Vergnügen angehört, zumal die Orchester in allen amerikanischen Varietés nicht wie bei uns aus drei Violinen und einigen mehr oder weniger belanglosen Anhängseln bestehen, sondern den vollen Bestand eines symphonischen Orchesters mit 50-60 gutgeschulten Mitwirkenden darstellen.
Im allgemeinen tut man jedoch besser daran, die sommerlichen Vergnügungen in New York im Freien aufzusuchen. Schon um der Abendkühle wegen, die nach der barbarischen Hitze, die tagsüber in New York herrscht, höchst erquickend wirkt. Wer es irgend ermöglichen kann, flieht abends aus New York an die Küste des Ozeans, der sich z. B. bei »Long-Beach« oder bei »Long-Island« in seiner ganzen majestätischen Pracht vor einem ausbreitet. Wundervolle Automobilstraßen, 50-100 Kilometer außerhalb der Stadt immer noch unter Asphalt, führen dorthin. Exquisite Restaurants sorgen für des Leibes Wohl. Die Eisenbahnzüge, die alle zwei Minuten aus New York in jene Gegenden abgehen, sind allerdings derart überfüllt, daß ihre Benutzung mit Lebensgefahr verbunden ist. Am tollsten geht es natürlich auf den Verkehrswegen zu, die nach »Coney-Island« führen. Dieses Eldorado der New Yorker Kleinbürgerschaft ist mit der Bahn oder per Dampfer in zirka einer halben Stunde zu erreichen.
Auf Coney-lsland befindet sich das Urbild aller »Luna-Parks« der Welt, das von keiner Nachahmung erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. Der Anblick, den diese Amüsier-Insel nachts gewährt, ist tatsächlich überwältigend. Eine Orgie von Elektrizität, gegen die sogar die Straßen-Illumination von New-York verblaßt, wird dort allabendlich gefeiert. Die Konturen sämtlicher Vergnügungspaläste, Aussichtstürme, Restaurations- und Theaterbauten, die Wege der kilometerlangen Berg- und Talbahnen, Fesselballons- und Aeroplan-Karussels, Wasserrutschbahnen und Riesenschaukeln – alles ist mit elektrischen Glühbirnen nachgezeichnet. Der ganze Nachthimmel scheint in Flammen zu stehen, wenn man sich über die Hudson-Brücke Coney-lsland nähert. Der Ort hat die Dimensionen einer mittelgroßen Provinzstadt und besteht ausschließlich aus Vergnügungslokalen. Man würde Wochen brauchen, um sie alle kennen zu lernen. Ein Dutzend Leipziger Messen, ebensoviele Münchener Oktoberwiesen und russische Jahrmärkte würden nur einen kleinen Teil von Coney-lsland bedecken. Ein betäubender Radau herrscht in allen Straßen. Für alle Nationen ist gesorgt.
Der Deutsche findet einige enorme Biergärten mit echtem und unechtem »Münchener« und »Pilsener«, echten und unechten Tiroler Sängern, Käsestullen, Radis, deutschen »Humoristen« und ähnlichen für sein Amüsierbedürfnis unerläßlichen Dingen.
Der Italiener hat seine Osterias mit Mandolinen-Chören und Straßensängern, der Spanier kann sich an spaßhaften Stiergefechten ergötzen, für den Chinesen sind seine heimischen Ball- und Kugelspiele da, den Russen locken Balalaika-Klänge, Chorlieder und übertemperamentvolle Kosakentänze. Daß der Franzose an Chansonetten nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst.
Und der Amerikaner? Der nimmt, wie das ja überhaupt so seine Art ist, von allem ein wenig und zwar das Beste. Besondere Vorliebe bekundet er außerdem für die sogenannten »Wutstillungsbuden«, in denen er für 10 Cents soviel Fayence-Geschirr zerschmettern darf, als er mit fünf Holzbällen zu treffen vermag. Wenn er seinen Rassenhaß auszutoben beabsichtigt, findet er sogar einen lebendigen Neger, nach dessen grinsender Fratze er für 5 Cents mit einem steinharten Kautschukball werfen darf. Nur ist der Neger viel zu geschickt, um sich treffen zu lassen. Das gelang in meinem Beisein nur einem augenscheinlich virtuosen base-ball-Spieler. Der Neger verschwand darauf mit verbundener Nase von der Bildfläche, wurde jedoch sofort durch einen ebenso grinsenden und herausfordernd plattnasigen Stammesgenossen ersetzt.
Eine weitere »nationale« Eigenschaft des Amerikaners ist die Vorliebe für seine Schiebetänze. Denen kann er auf Coney-Island nach Herzenslust fröhnen. Es gibt dort Tanzsäle, in denen sich mehr als 2000 Paare gleichzeitig drehen können, ohne die gegenseitigen Hühneraugen als Tanzboden zu benutzen. Die Pausen werden dort durch Varieté-Darbietungen ausgefüllt, wobei die Bühne auf einer Art elektrischen Bahn um den Riesensaal herumfährt, damit niemand vom Galerie-Publikum zu kurz komme.
Bewundernswert und nicht genug zu loben ist der Anstand, der wie überall in Amerika, so auch auf Coney-Island herrscht. Der New Yorker Proletarier, der in seinem Privatleben vielleicht Stiefelputzer oder Schornsteinfeger ist, beträgt sich auf dem Tanzboden und bei den zum Teil sehr gewagten Vergnügungen des Luna-Parks genau so wie jeder Gentleman in den Salons der sogenannten »guten Gesellschaft«. Wenn man dagegen daran denkt, was man unter Umständen in den Luna-Parks von Paris und Berlin zu sehen bekommt, so kann man dem Anstandsgefühl des amerikanischen Bürgers seine Hochachtung nicht versagen. Ob die innere Moral und Sittlichkeit der Amerikaner diesem äußeren Bilde entspricht, ist natürlich eine andere Frage, deren Beantwortung jedoch ferner Stehende im Grunde genommen ganz und gar nichts angeht.
5. DAS JUGENDGERICHT.
Zu meinen liebsten Erinnerungen an New York gehören die Stunden, die ich, dank der Vermittlung eines einflußreichen Mannes, in einer der nützlichsten und besten Institutionen der Vereinigten Staaten, dem Jugendgericht, zubringen durfte. Ich wohnte einer Sitzung bei, die von 10 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags dauerte, doch ist mir die Zeit keinen Augenblick lang geworden, und das Einzige, was ich bedauerte, war, daß ich am nächsten Tage abreisen mußte, wodurch dieser erste Besuch im Jugendgericht leider auch zum einzigen wurde.