Sie hatten jetzt einen mit roten Ziegeln gepflasterten Gang, der das Haus in zwei Hälften teilte, erreicht, und Herr Wißmuth stellte die kleine Reisetasche Annas auf einen Strohsessel hin, wobei er aufächzte, als habe er soeben ein großes Unternehmen zu Ende geführt. Bis in das Gemach, welches er seiner jungfräulichen Anverwandten als Wohnung bestimmt hatte, vorzudringen, erschien ihm nicht passend.
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Herr Wißmuth ist holländischer Abstammung, was er mit prahlerischer Vorliebe immer wieder erzählt und was im übrigen sein Äußeres deutlich verrät. Er ist ein Mann von mittleren Jahren und mittlerer Größe, mit kurzen, dicken Gliedern, kurzen Händen, kurzen Fingern und einem kreisrunden Gesicht, das bis auf den unternehmend aufgesträubten kleinen Schnurrbart glatt rasiert ist und aus dem zwei schmale, auffallend kleine Augen lebenslustig in die Welt hineinfunkeln.
Sein stark gekraustes rötliches Haar ist an der Seite gescheitelt und über der Stirn in ein mächtiges Toupet aufgekämmt. Man sieht es ihm sofort an, daß er zu denjenigen gehört, die mit sich selbst stets zufrieden sind und über die ihre Umgebung sich häufig ärgert.
Er ist nicht gerade dumm, sondern nur verwirrt im Kopfe, phlegmatisch, aber mit beständig aus seinem Phlegma aufsprühenden, fingerlangen Begeisterungen, von denen nie eine stark genug ist, seinen fetten und schweren Körper in die Höhe zu ziehen. Dazu noch gründlich faul, wo es sich um eine ernste und nutzbringende Thätigkeit handelt, hingegen freilich von einer gemeinschädlichen Betriebsamkeit in allerhand nebensächlichen Dingen, wie Veranstaltung schlechter musikalischer Produktionen, Marken sammeln, Altertümer aufstöbern, Inserate in Zeitungen einsenden behufs Abschaffung öffentlicher Übelstände, Verfassen von anonymen Briefen und massenhaftem Klavierspiel.
Nach all dem wird es niemand wunder nehmen, daß er es auf der Welt zu nichts gebracht als zum Bürgermeister von Lindenbergen, ein Ehrenamt, in dem er sich sehr wichtig vorkommt und das ihm Geld kostet.
Am allerschlechtesten ist's ihm mit der Bleistiftfabrikation geglückt, welche ihn auch bis an den Rand des finanziellen Abgrundes gebracht hat. Den verhältnismäßigen Wohlstand, in welchem er sich momentan befindet, hat er einer alten Anverwandten zu verdanken, welche ihm ein ansehnliches Vermögen unter der Bedingung vermacht hat, er möge sich für immer von seinem Geschäft zurückziehen.
Er ist ein unerquicklicher Familienvater und ein ermüdender Hausherr. Beides hat Anna Marie seit dem gestrigen Tage bereits genugsam zu konstatieren Gelegenheit gehabt. Seit gestern hat sie im ganzen ungefähr sechs Stunden vierhändig mit ihm spielen müssen, und selbst jetzt, wo – am Frühnachmittag nach ihrer Ankunft ist's – bereits alles so zu sagen mit einem Fuß in der Luft steht, um dem Fest entgegen zu eilen, welches Herr Förster behufs Einweihung von Ulmenhof veranstaltet, hat er die geduldige Österreicherin noch an seinen Lieblingsflügel, einen zugleich weich ansprechenden und sonoren Bechstein, festgenagelt, um »in aller Eile« ein letztes Mal die neunte Symphonie von Beethoven mit ihr zu spielen.
Da sie bereits Toilette gemacht hat und ihr kreppbesetztes schwarzes Paradekleid – sie trägt noch immer Trauer für den Tricktrackonkel – ihr etwas zu eng in den Ärmeln ist, so findet sie momentan diesen musikalischen Frondienst recht unbequem. Herrn Wißmuth ist das höchst gleichgültig.
Er spielt natürlich den Baß, weil er da mit großer Ungeniertheit falsch darauf lostrommeln kann. Wenn es irgendwie nicht klappt, so ist Anna Marie daran schuld, er rast darauf los, ob sie mitkommt oder nicht, und kräht, während sie verzweifelnd die Hände in den Schoß legt, mit beständig ins Falsett umschnappender dünner Tenorstimme den Violinpart zu seinem Accompagnement.