»Es wird schon gehen mit der Zeit, aber du findest dich noch nicht in meine Auffassung hinein,« sagt er regelmäßig, wenn er endlich stehen bleibt, um sie mitzunehmen. »Eins, zwei, drei ...« und dabei wandern seine kurzen Finger, die Takte zählend, über die Noten hin.
Nachdem er vergeblich einen bequemen starting point gesucht, sagt er ruhig: »Das Beste ist, wir fangen von vorn an.«
Arme Anna Marie!
Inmitten seines energischen Gehämmers zieht er die Hände vom Klavier und sagt: »War das nicht ein Wagen?« Damit springt er an das Fenster und lehnt seinen fetten, schwammigen Oberkörper spähend auf die weltvergessene Straße hinaus.
Er sieht allerhand Anheimelndes, was ihn nicht interessiert: eine Reihe altväterischer Giebelhäuser, eine braune Mauer, über die eine Wirrnis von blühenden Frühlingsbäumen hinüberragt, einen Ziehbrunnen gerade in dem Winkel zwischen der braunen Mauer und einem vorspringenden Haus, eine Magd mit breitem, rotem, stumpfem und gutmütigem Gesicht, barhaupt mit im Genick aufgestecktem dünnem Zopf, die, die nackten Arme auf den Eimer gelehnt, einem Burschen nachblickt, der, ein Veilchenbüschel hinterm Ohr, trotzig an ihr vorübergeht, ohne ihren Blick zu erwidern – alles das sieht er; das aber, wonach er ausspäht, das sieht er nicht.
Unzufrieden brummend kehrt er zu dem Flügel zurück.
Da tritt Kitty in das Klavierzimmer herein, sehr hübsch, mit sehr roten Wangen und der etwas feierlichen Befangenheit, welche einem ganz jungen Mädchen das Bewußtsein verleiht, ein neues Kleid anzuhaben, das ihm besonders gut steht. Es ist aber auch ein wunderschönes Kleid, weiß vom Saum bis zum Hals hinauf, auch die Schärpe ist weiß, und Kitty sieht entzückend darin aus. Sie ist davon überzeugt, kann es aber nicht erwarten, daß ihr's jemand bestätigt.
»Sind Hildegard Mühlhausen und Emma Becker noch nicht gekommen?« fragt sie so obenhin, nur um zu beweisen, daß sie gewiß nicht hereingekommen ist, um sich loben zu lassen.
»Nein, ich begreife nicht,« sagt Herr Wißmuth, »ich habe ihnen so streng eingeschärft, pünktlich zu sein. Anna Marie kann ihren Part der Jubelkantate zwar, aber eine Ensembleprobe ist doch nötig!«
Herr Wißmuth hat nämlich zu der festlichen Gelegenheit ein kleines Quartett komponiert, das er mit dem klangvollen Titel »Jubelkantate« bezeichnet.