»Ich begreife die beiden nicht!« sagt Herr Wißmuth, noch immer aus dem Fenster spähend. »Ach, endlich, da sind sie!« ruft er, »endlich!« und eilt ihnen entgegen.

Indes hebt Anna Marie ihr Lorgnon an ihre schönen, etwas hervorstehenden grauen Augen und betrachtet Kitty.

»Allerliebst siehst du aus,« ruft sie, »charmant, zum Fressen herzig!«

Die Worte, welche bei der Österreicherin den höchsten Ausdruck der Bewunderung ausmachen, erfüllen Kitty mit Stolz. Sie eilt auf Anna zu, um sich abküssen und streicheln zu lassen, wozu sie eine große Neigung hat. Anna aber wehrt sie ab. »Um Gottes willen bleib, wo du bist, ich mach dich ja ganz schwarz – so ein Trauerrab wie ich und ein Schneeglöckerl wie du, das paßt nicht zusammen« – dabei streichelt sie, sich behutsam von der weißen Pracht der Kleinen fernhaltend, Kittys Wangen und flüstert ihr ins Ohr: »Hast du dich für Herrn Förster so schön gemacht?«

Herr Wißmuth reißt die Thür auf, glückstrahlend und mit dem Ausruf: »Da bring ich meine jungen Damen!« worauf zwei weibliche Wesen mit ihm in das Musikzimmer treten.

Die Jugend der beiden ist von verschiedener Beschaffenheit. Emma Becker steht im selben Alter wie Kitty, und Hildegard von Mühlhausen in dem von Anna Marie.

Über Emma Becker giebt's nicht viel zu sagen, als daß sie eine Pensionatsfreundin Kittys ist, eine Frankfurterin, Waise, von rheinländischen Eltern abstammend, klug und gesetzt über ihr Alter hinaus, lebenslustig, etwas schwerfällig, etwas anspruchsvoll, mit beiden Augen nach einer guten Partie ausspähend, und ohne ein Fünkchen Poesie im Leib, nicht reich – aber mit allen Gewohnheiten einer reichen Person behaftet, weshalb sie beständig darauf angewiesen ist, von einem ihrer sehr vermögenden Verwandten zum anderen zu reisen und ihre ganze Rente auf die Begleichung ihrer Schneiderrechnung zu verwenden.

Hildegard von Mühlhausens Charakteristik ist weniger leicht abzufertigen. Sie ist der letzte verarmte und verkümmerte Sproß eines alten Adelsgeschlechts. Ihre Mutter war in ihrer Jugend Hofdame und ihr Vater in seinem hohen Alter General, ihr Bruder war ein Taugenichts, hat sein und ihr kleines Vermögen verschlemmt und ist in Amerika elend zu Grunde gegangen. Gegen Hildegard ist nie etwas einzuwenden gewesen, jeder, der je mit ihr in Verkehr gestanden, versichert, »sie sei ein durch und durch nobles Wesen«. Keiner hat diesen Verkehr bis zu einem vertraulichen, freundschaftlichen Grad fortzusetzen gesucht, denn der Verkehr ist unerquicklich, wie der mit allen Menschen, die das Leben von einem allzu erhabenen Standpunkt aus betrachten und den anderen beständig ihre hohe Vollkommenheit unter die Nase reiben.

Hildegard von Mühlhausen leidet im höchsten Maße an Erhabenheit; sie ist ebenso neidlos wie Anna Marie – aus Erhabenheit, weil ihr gar nichts zu beneiden würdig dünkt, seitdem ihr das Schicksal das höchste Glück versagt, das es zu vergeben hat – das nämlich, als Mann auf die Welt gekommen zu sein. Sie ist fest überzeugt davon, daß ihre Seele eigentlich bestimmt war, in einem männlichen Körper zu wohnen, und daß, wenn sie ein Mann gewesen wäre, sie es wenigstens bis zu einem Napoleon oder Bismarck gebracht hätte. Neben dem Unglück, durch ihre Weiblichkeit verhindert worden zu sein, dies hohe Ziel zu erreichen, erscheinen ihr alle die zahlreichen Miseren ihres Lebens geringfügig.

Unter allen Umständen liegt's ihr am Herzen, zu beweisen, daß sie sich aus nichts etwas macht. Sie ist immer erhaben. Sie unterzieht sich den langweiligen Pflichten ihres armseligen kleinen Hausstandes (sie wohnt in kümmerlichen Verhältnissen allein) mit demselben, jedes Interesse an ihrer Beschäftigung verleugnenden Märtyrergesicht, mit dem sie bei einem Diner ihr Champagnerglas leert oder bei einem Hausball eine Quadrille tanzt. Ihr ganzes Wesen ist immer durchdrungen von sittlicher Herablassung.