Sie ist groß und sehr dünn, sehr brünett, mit braunen Augen in einem verkümmerten, scharfkantigen Rassegesicht und trägt ein weißes Musselinfähnchen, das Kitty recht gut kleiden würde, in dem sie sich aber wie eine Fliege im Milchtopf ausnimmt.
»Wie spät!« ruft Kitty.
»Ich bin seit einer Stunde bereit; ich bin immer verläßlich,« erklärt Hildegard von Mühlhausen, »aber Emma kam nicht.«
»Die Frank ließ mich so lange warten mit meinem Kleid,« erklärt Emma Becker, »ich war schon außer mir.«
»Wie kann man außer sich geraten über die Unpünktlichkeit einer Schneiderin!« bemerkt sinnend Hildegard von Mühlhausen.
»Aber ich bitte dich, Hildegard, wenn ich auf ein so hübsches Kleid zu lange hätte warten müssen, wär ich auch unruhig geworden,« versichert Kitty, und Emma mit Andacht betrachtend, setzt sie hinzu: »Dein Kleid ist wunderschön!«
»Wenn's nicht einmal hübsch wäre,« seufzt Emma Becker; »ich bitte dich« – wichtig auf das aus dem Atelier Albert Franks stammende Meisterwerk herabsehend – »ein einfaches Musselinkleid und kostet hundert Thaler! Geradezu unverschämt, nicht wahr!« Emma seufzt selbstgefällig in dem schmeichelhaften Bewußtsein, daß es zum höchsten Frankfurter Chik gehört, unter der Unverschämtheit Albert Franks zu leiden.
»Hundert Thaler!« lacht Kitty, »meins kostet kaum so viele Groschen, aber ich bin eben darauf angewiesen, mich billig einzurichten. Bis zu einer sehr reichen Frau werd ich's in diesem Leben nicht bringen!« Bei diesem Ausspruch schließt sie die Augen halb und lacht leise vor sich hin.
»Warum solltest du nicht eine gute Partie machen?« sagt die phlegmatische Emma (sie ist nämlich höchstens durch ihren Schneider in Harnisch zu bringen) protegierend.
»Warum?« – ein etwas mutwilliges Lächeln kräuselt Kittys Lippen – »vielleicht, weil mir's nicht allzusehr darauf ankommt.«