Nebenbei war sie eine allgemein beliebte Persönlichkeit. Kaum ein Tag verging, an welchem, mochte sie sich auch wo immer befinden, die Post ihr nicht einen Brief gebracht hätte, welcher die Worte enthielt: »Wann können wir dich erwarten, wann kommst du zu uns?« – worauf sie fast jedesmal dieselbe Antwort zurückschrieb: »Ich freu mich sehr, daß ihr mich wollt, ich werde trachten es mir einzuteilen, aber vorläufig ...« und dann folgte ohne jedwede Prahlerei, nur als bescheidene Begründung ihres Ablehnens, eine lange Liste von Besuchsverpflichtungen, welche sie bereits auf sich genommen und welchen sie nachkommen mußte, ehe sie einer neuen Einladung folgen durfte.
Kritischere und gescheitere Menschen als sie zerbrachen sich bisweilen den Kopf über den Grund ihrer beständigen Umworbenheit und über das Wesen, welches man mit ihr trieb. Vermögen hatte sie nur gerade, was sie brauchte, um niemand zur Last fallen zu müssen – für eine österreichische Oberstentochter war das zwar sehr viel, aber um auch den mißtrauischsten unter ihren Bekannten auf den Gedanken zu bringen, die große Freundlichkeit, welche ihr bewiesen wurde, irgend einer Hab- oder Erbschaftsgier beizumessen, war es lange nicht genug. In der Wirtschaft war sie ein wenig umständlich, Whist spielte sie nicht besser als der Durchschnitt unverheirateter Damen. Eigentlich verstand sie sich nur auf zwei Dinge wirklich gut, und zwar darauf: Kranke zu pflegen und Tanzmusik zu spielen; aber ersteres hatten die wenigsten Menschen zu erproben die Gelegenheit gehabt, und letzteres versteht sich eigentlich bei einer Persönlichkeit ihrer Art, die geboren ist eine Begleitung zu der Fröhlichkeit der anderen zu trommeln, von selbst.
Ihre allgemeine Beliebtheit hatte einen anderen Grund. Man hatte sie lieb, weil sie keinen Neid kannte, nicht den Schatten davon! Das sagten ihr alle ihre jungen Vertrauten, deren Glücksgeständnissen sie stets dieselbe gerührte Teilnahme entgegenbrachte, und küßten sie dafür.
Das sagten ihr ebensogut die älteren unter ihren Bekannten und bewunderten sie dafür. Sie lächelte abwehrend zu dieser Bewunderung und erwiderte immer dasselbe:
»Ich begreife euch nicht, es ist ja kein Verdienst dabei!«
Wenn man aber fragte: »Wieso kein Verdienst?« da behielt sie die Antwort für sich.
Sie kannte keinen Neid, weil ihr jedes echte große Menschenglück Mitleid einflößte, weil sie hinter jedem übermütig zum Himmel aufjauchzenden Menschenkind, hinter jedem, dessen irdische Seligkeit die von der Vorsehung gesetzten Mittelmäßigkeitsgrenzen überstieg, und das des Beneidens wert gewesen wäre, das Unglück lauern sah, seine Zeit abwartend, kalt, ruhig und siegessicher!
Das Herz zog sich ihr jedesmal im Leibe zusammen, wenn sie einen Menschen es aussprechen hörte: »Ich bin glücklich!« Sie dachte dann sofort an alles mögliche, an allerhand knapp neben ihr zerschmetterte, für immer vernichtete Glückseligkeit, am häufigsten aber an das Schicksal ihrer kleinen Lieblingscousine Kitty.
Die Geschichte datierte schon ziemlich weit zurück, so weit, daß sie die meisten, welche sie mit erlebt, nicht mehr genau wußten. Aber Anna Marie pflegte ihre Erinnerungen wie ihre Gräber, letztere vergrasten und erstere verblaßten bei ihr nie!