* * *
Im Frühling 1870 war's. Anna Marie trug gerade Trauer für einen alten Onkel, den sie fünf Jahre lang Tag und Nacht gepflegt und der ihr zum Lohn für ihre Aufopferung das schön eingelegte Tricktrackspiel vermacht hatte, über dessen grünes Tuch sie alle Abend geduldig mit ihm die Würfel hingerollt. Dieses schäbige Legat hatte alle Welt in Verwunderung gesetzt, nur nicht Anna Marie. Anna fand es rührend und weinte dem Onkel aufrichtige Thränen nach. Sie befand sich damals in Pest, wo der geizige Tricktrackonkel – er hieß Graf Silvaschy und gehörte zur besten ungarischen Aristokratie – gestorben war, als sie einen Brief von einem anderen Onkel erhielt, von einem bürgerlichen diesmal, einem Bleistiftfabrikanten, welcher mit der bereits seit Jahren verstorbenen Tante Anna Maries verheiratet gewesen war und sich jetzt nach Abwickelung seiner ziemlich matten Geschäfte in das Privatleben zurückgezogen hatte, und zwar in ein Städtchen unweit von Hanau – Lindenbergen hieß es und stand mitten in der fetten, von ergiebigen Rübenfeldern und mächtigen Obstbaumalleen reich gesegneten Wetterau.
Herr Wißmuth, so hieß der Bleistiftonkel, brauchte, wie er es unumwunden erklärte, Anna Marie notwendig. Seine älteste Tochter Bertha hatte sich bereits vor zwei Jahren verheiratet, und Kitty, die zweite, war aus der Pension heimgekehrt. Sie war noch zu jung, um ohne ältere weibliche Stütze im Hause zu bleiben. Herr Wißmuth ersuchte nun Anna Marie, für einige Zeit zu ihm zu ziehen. »Es wird vielleicht nicht allzu lang dauern, bis sich die Verhältnisse konsolidiert haben, dann kann ich dich freigeben,« schloß er sein Schreiben. Er sprach von Anna Marie gerade, als ob sie ein nützliches Möbel gewesen wäre, auf das er ein Recht hatte Beschlag zu legen. Das aber war Anna Marie gewohnt. Es fiel ihr nicht weiter auf; was ihr aber auffiel, das waren die Worte: »Es wird nicht lange dauern, bis sich die Verhältnisse konsolidiert haben.« Was meinte er wohl damit? Wollte er ein zweites Mal heiraten, oder schwebte etwas in der Luft für Kitty?
Sie war noch nicht mit sich einig geworden darüber, und auch nicht darüber, ob sie der in einigermaßen zum Widerspruch reizendem, befehlendem Ton gehaltenen »Einmahnung« des Herrn Wißmuth Folge leisten sollte, oder der viel liebenswürdiger ausgedrückten Einladung einer Cousine in Wien, als der Postbote ihr einen zweiten Brief brachte, einen Brief, den Anna Marie sofort als von ihrer Cousine Kitty herrührend erkannte und infolgedessen hastig erbrach. Er lautete:
Liebe, liebe Anna Marie!
Bitte, bitte, bitte, komm. Ich freu mich so schrecklich auf dich und brauche dich so. Wenn du nicht kommst, so bin ich unglücklich, und ich habe gar keine Lust, unglücklich zu sein, gerade jetzt nicht. Das Leben ist so schön! Ich bitte dich, komm. Ich küsse dich zweitausendmal und bleibe, dich bestimmt erwartend,
deine Cousine Kitty.
»Arme kleine Kitty,« murmelte Anna Marie, nachdem sie das Zettelchen durchgelesen, und plötzlich überkam sie jene mit Angst vermischte Rührung, welche sie jedesmal beschlich, wenn ein Menschenkind das Leben besonders schön finden wollte. »Mir scheint in der That, daß da die Verhältnisse Lust haben sich zu konsolidieren, aber – vielleicht in anderer Richtung, als mein Onkel Wißmuth sich's denkt. Wenn mich nicht alles irrt, so braucht die Kleine einen Bundesgenossen. Nun, wir müssen doch erst sehen, um wen sich's handelt.« Damit aber stand es in Anna Marie fest, daß Kitty momentan nicht sich selbst überlassen bleiben dürfe, weshalb sie sich entschloß, die Einladung Herrn Wißmuths anzunehmen, und sofort an die Cousine in Wien eine Absage sandte. Die Cousine in Wien hatte sie zwar aufgefordert, mit ihr eine Reise an die oberitalienischen Seen zu machen, welche kennen zu lernen schon lange zu Anna Maries Lieblingswünschen zählte. Aber das war Nebensache.
* * *
Kitty war immer Anna Maries besonderer Liebling gewesen, schon wie sie noch ein dickes, schwersprechendes Baby war. Das Ziel, welches sie sich gesteckt, als sie sich zum erstenmal selbständig auf die zarten Füßchen aufgestellt und mit weit ausgestreckten Händchen und kleinen, so zu sagen stammelnden Tritten über das Zimmer gewankt, das war Anna Marie gewesen – an Annas Knie hatte sie ihre kleinen Ellenbogen aufgestützt, als sie endlich atemlos und triumphierend ihre Wanderung beschloß.