Anna sah sie noch genau vor sich in dem gehäkelten weißen Kleidchen, das sie ihr selber fabriziert, und das Hals und Ärmchen frei ließ – was für einen Hals und was für Ärmchen! und dazu ein Gesichtchen! das reizendste Gesichtchen, das man sich ausdenken konnte, weiß, zart wie eine frisch entfaltete Frühlingsblüte und mit großen leuchtenden Augen drin.
Seit jenem Tag, wo das dicke Baby seine winzigen Ellenbogen so vertrauensvoll auf das Knie seiner Cousine gestützt, hatte eine Art Schutz- und Trutzbündnis bestanden zwischen der großen Anna und der kleinen Kitty, ein Bündnis, das trotz vielfacher Trennung der Alliierten weiter geführt worden war bis auf den heutigen Tag.
»Wie sich die Kleine nur herausgewachsen haben mag?« fragte sich Anna Marie, indem sie etwas vor Hanau ihr Handgepäck zusammenrückte und ihren Anzug zurechtschob. Sie war ohne Unterbrechung, außer mehrfachen Übersteigens, von Pest nach Hanau gefahren, dennoch sah sie weder besonders schmutzig noch besonders müde aus. Sie hatte die gerade Haltung und frische Hautfarbe, das heißt die prachtvolle Gesundheit einer geborenen Krankenpflegerin. Sie war noch immer eine schöne Person, obgleich ihre grauen Schläfen und vollen Schultern die Vierzigerin verrieten. Ihre Züge waren regelmäßig, die Gestalt stattlich, wenn auch etwas zu stark, die Hände sehr zart. Sie trug einen grauen Staubmantel und einen glockenförmigen schwarzen Hut, den sie der Bequemlichkeit halber abgelegt hatte und jetzt aus dem Netz herunterlangte, um ihn auf ihr tadellos geglättetes Haar zu setzen.
»Wie sie sich nur herausgewachsen haben mag?« fragte sie sich, indem sie an das Fenster des Coupés herantrat. Das letzte Mal hatte sie Kitty als hochaufgeschossenes, fünfzehnjähriges Mädchen in einem Dresdener Pensionat gesehen, sehr mager, mit sehr langen Armen und Beinen und fast ohne Körper, noch immer hübsch, aber offenbar in einem schwankenden Übergangsstadium, in dem man nicht recht wußte, welchen Weg ihre weitere Entwickelung einschlagen würde, den der Schönheit oder den der erträglichen Mittelmäßigkeit. Da hielt der Zug. Nicht ohne kleine Umständlichkeiten verließ Anna Marie von Hohleisen das Coupé.
Das kleine Häuflein Handgepäck neben sich, auf dem sandigen Bahndamm stehend, hielt sie ihr Lorgnon an die Augen und sah sich nach zwei Sachen um: nach einem Träger, und ob ihr jemand entgegengekommen war.
Ehe sie sich noch darüber klar geworden, rief ihr ein Stimmchen, das tief und weich wie das einer Amsel klang, entgegen: »Anna, Anna!« und zwei warme, junge Arme schlangen sich um ihren Hals.
Das war Kitty!
Nachdem Anna sie recht herzlich abgeküßt, schob sie sie etwas weiter von sich, um sie genauer zu betrachten, und lächelte zufrieden. Kitty war keine Schönheit, aber noch weniger hätte man sie ihrem Äußeren nach unter die erträglichen Mittelmäßigkeiten zählen können. Sie war ganz einfach reizend, entzückend, unbeschreiblich. Weiß der liebe Himmel, wie sie's angefangen, aber sie hatte jetzt wieder ihr altes Babygesicht, nur etwas größer und mit schmäleren Bäckchen, in allem Übrigen genau, die großen Augen, das Lächeln, die Grübchen, ja selbst die blumenfrische Hautfarbe, alles das war da; nur war der Blick in den Augen tiefer, und mitten zwischen die mutwilligen Grübchen hinein spielte ein Ausdruck gerührter Zärtlichkeit.
Kein Zweifel, die Zustände hatten eine Neigung sich zu konsolidieren, dachte Anna Marie.
Um weniges später war das Handgepäck zum drittenmal gezählt, die große Bagage ausgelöst und die beiden Damen saßen in dem Mietwagen, mit dem Kitty der Freundin entgegengekommen war, und fuhren an schönen, im ersten zartgrünen Frühlingsschimmer prangenden Gartenanlagen ihrem Ziel entgegen.