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Anna Marie sitzt in ihrem Zimmer und schreibt Briefe. Es ist die Beschäftigung, die ihr im Leben infolge ihres großen Bekanntenkreises am meisten Zeit wegnimmt. Ihre massenhafte Korrespondenz ist die Steuer, welche sie für ihre Beliebtheit zahlt.
Kitty kniet unten im Garten vor einem Gemüsebeet, in das sie abwechselnd mit einem spitzigen Stück Holz Löcher bohrt und aus einem blauen Papiersäckchen Samen streut. Sie trägt eine verwaschene, rot ausgenähte blaue Ärmelschürze, die noch von ihrer Pensionszeit herrührt und ihre biegsame, junge Gestalt völlig einhüllt, ein Paar hirschlederne Handschuhe, mit denen sie ungeniert in der Erde wühlen kann, und einen großmächtigen Strohhut. Ein dicker, brauner Dachshund, dem ihre kauernde Position befremdlich erscheint, springt laut bellend um sie herum und setzt seine dicken Vorderpfoten abwechselnd auf ihre Schultern und auf ihren Rücken. Das ist ihm gnädigst gestattet. Wenn er sich aber unterfängt, seine Pfoten in das schön geglättete, wie geriebene Schokolade aussehende Gemüsebeet zu pflanzen, das seine Herrin bearbeitet, dann – wird ihm eine fürchterliche Strafpredigt zu teil.
Mit dem herrschaftlichen Schloßgarten von Ulmenhof hat der Garten, in dem Kitty arbeitet, nichts gemein. Hinter dem Haus ziehen sich großmächtige, rechtwinklige Beete, von Salbei, Lavendel und Erdbeeren eingefaßt und in kleinere, von winzigen Pfaden getrennte Felder abgeteilt, aus denen hohe, alte Obstbäume aufragen, wahre Patriarchen von Obstbäumen; Birnbäume, etwas schwerfällig, mit umfangreichem Stamm und ziemlich regelmäßig gebauten Kronen, ganz übersäet von dichten Blütenbüscheln, weiß wie Engelsflügel, aber einen widerlichen Hauch ausatmend; Apfelbäume von viel unregelmäßigerem Wuchs mit graugrünen, flaumigen Blättchen, zwischen roten Knospen und rosigen Blüten, Blüten mit dunkelgelben Staubfäden und seinem scharfem Geruch; Pflaumenbäume, in kleinwinzige, betäubend süß duftende weiße Blüten eingehüllt; und zu Füßen der Obstbäume grelle Sonnenfünkchen mitten zwischen dem grauen Schattenteppich herumtanzend, und in ihren blühenden Kronen ein Heer von Finken, die lustig ein Loblied des Frühlings singen – so sieht es um Kitty herum aus.
Kitty singt mit den Finken um die Wette, nur viel weicher und süßer als sie. Mit einemmal verstummt sie – sieht auf. Ein langer Schatten zieht sich über den Kies bis zu ihren Füßen hin, und hinter dem Schatten steht ein junger Offizier, die Hand an der Mütze, lächelnd und von Glück und Lebenslust strahlend. Sie stößt einen kleinen Freudenschrei aus, dann ihren Blick in den seinen tauchend, murmelt sie nur: »Ach, wie lieb!« Bei ihrer raschen Wendung ist ihr der Hut vom Kopf gefallen. Waldmann, der Dachshund, ergreift sofort die Gelegenheit, ihn zwischen die Zähne zu nehmen und mit ihm davon zu galoppieren – der junge Offizier will ihm nach, um ihm seine Beute zu entreißen, aber Kitty ruft: »Laß ihn, es ist ein alter Hut,« und sie zuckt mit den Achseln.
»Verschwenderin!« bemerkt Altenried, ihr mit dem Finger drohend, »so bereitest du dich darauf vor, die Frau eines armen Lieutenants zu werden!«
Noch immer auf der Erde kauernd, mit der einen Hand auf den roten Kies gestützt, sieht sie zu dem jungen Mann auf und lacht: »Ob ich mich darauf vorbereite! Sieh nur« – sie deutet auf ein langes Stück Erde – »das habe ich alles mit Gemüse bepflanzt. Es ist reizend, sein eigenes Gemüse zu pflanzen, und es kommt so billig. Wenn wir verheiratet sind, werde ich den Gemüsegarten allein bestellen.«
Was für ein entzückendes Geschöpfchen! Ihr weiches, volles und doch durchdringendes Stimmchen allein könnte genügen, ihn um den Verstand zu bringen; jedes Wort, das sie spricht, thut ihm wie eine Liebkosung wohl und regt ihm zugleich alle Nerven auf. Am liebsten möchte er sie in die Arme schließen und mit ihr bis an das äußerste Ende der Welt fliehen – irgend wohin, wo ihn niemand mehr in der vollständigen, ungestörten Besitznahme ihrer bezaubernden kleinen Persönlichkeit stört. Und während ihm dieser wilde Traum in den Adern spukt, steht er wohlerzogen und ruhig vor ihr und sagt: »Wenn wir verheiratet sind, werden wir wahrscheinlich gar keinen Garten haben.«
»So!« meint Kitty, »das ist schade«; dann gleichmütig die Achseln zuckend, ruft sie: »aber wenigstens ein paar Blumentöpfe vor den Fenstern, das ist auch schön!«
»Hm! es scheint, daß nichts im stande ist, dir die Freude an unserer armseligen Zukunft zu verkümmern,« sagt Altenried und lacht gerührt, ohne jedoch den Schatten wegzulachen, der seine Augen verdunkelt.