»Nichts!« sagt sie. Sie ist jetzt aufgesprungen und sieht ihm forschend so zu sagen bis in die Seele hinein. »Nichts!« wiederholt sie etwas leise, und dann setzt sie plötzlich hinzu: »nichts, als deine langen Gesichter.«

»Ich hab eben Sorgen für zwei, Kitty,« murmelt er, »und wenn ich mir vorstelle, wie du für den Luxus geschaffen bist, drückt mich meine Armut, das ist wahr.« Bei diesen Worten will er den Arm um sie legen, sie aber wehrt ihn heftig von sich ab.

»So sprich doch nicht immer von deiner Armut,« ruft sie zornig; »glaubst du etwa, ich hätte mich dir genähert, wie ich's gethan hab, wenn du ein reicher Mann gewesen wärst? Nein! niemals hätt ich's gethan; das versteht sich von selbst. Reiche Menschen haben immer Freunde mehr als genug, aber du ... um dich war mir so leid; ich dachte, es würde dir ein Trost sein, jemand zu haben, der an dir teilnimmt, jemand, der sich auf dich freut, wenn du müde vom Dienst nach Hause kommst, jemand, der dir deine Existenz zurecht rückt und sie ausschmückt, so gut es geht. Aber wenn du vor ein paar erbärmlichen Sorgen zurückschreckst, so ist ja das alles nicht nötig. Weiß Gott nicht. Es kann ganz gut beim alten bleiben. Ich werde mich nur in Grund und Boden schämen dafür, daß ich mich dir an den Kopf geworfen hab, aber – sterben werde ich daran nicht! Adieu!« Und damit wendet sie sich großartig ab und will von dem jungen Mann forteilen und bricht beim dritten Schritt in Thränen aus.

Als ob er sie gehen ließe!

»Kitty!« ruft er, sie trotz ihres heftigen Widerstandes in die Arme schließend, »Kitty, du hast recht, hundertmal recht; ich hätte dein Opfer ruhig und dankbar hinnehmen müssen, anstatt kleinlich an dessen Größe herumzumessen; aber begreifst du denn nicht, daß es traurig für mich ist, alles zu nehmen und nichts geben zu können, nichts als Plage und Entbehrungen! Das sind meine Brautgeschenke, Kitty!« Und dabei hält er ihren Kopf an seine Schulter und sieht sie an, sehr traurig und unendlich zärtlich.

Sie schließt die Augen und murmelt: »Entbehrungen giebt es für mich keine neben dir, und die Plage kann mich nur freuen!«

Indem veranlaßt das Rauschen eines weiblichen Gewandes die beiden sehr ineinander vertieften jungen Leute, aufzusehen.

Anna Marie ist's, die auf sie zukommt, wie gewöhnlich überquellend von Teilnahme und Wohlwollen, dennoch nehmen ihre Züge bei dem unerwarteten Anblick Altenrieds einen auffällig befremdeten Ausdruck an. Sie beantwortet die ehrerbietige Verbeugung des jungen Mannes nur flüchtig, und sich an Kitty wendend, sagt sie: »Kitty, ich begreif eigentlich nicht recht, wie du Baron Altenried empfangen konntest, ohne mich zu avisieren. Ich hab dir gestern bewiesen, daß ich dir keine unnützen Hindernisse in den Weg legen will, aber schließlich mußt du mir doch auch einiges Vertrauen entgegenbringen.«

»Die Schuld würde in jedem Fall eher mich treffen als Kitty,« wirft Altenried ein, »aber ich versichere Ihnen, daß es mir gar nicht eingefallen wäre, meinen Besuch zu verheimlichen, weder vor Ihnen noch vor irgend jemand, gnädiges Fräulein. Ich war eigentlich gekommen, um bei Herrn Wißmuth um die Hand Kittys anzuhalten. Man sagte mir, er sei heute nach Frankfurt gefahren.«

»Und das ist er auch,« murmelt Kitty. »Er geht alle Mittwoch nach Frankfurt, es kommt uns dies heute sehr gelegen.«