Die an dem Kriege nicht beteiligten Völker staunen atemlos – man glaubt nicht – es ist nicht zu glauben, so kann es nicht weiter gehen, irgend ein Hindernis muß kommen und den neuerstandenen nationalen Koloß in seiner vorwärts stürmenden Laufbahn aufhalten! Aber nein! Weiter – immer weiter!
Ein taumelnder Jubel bemächtigt sich des weiten Deutschen Reiches, des Reiches, das der Stolz auf den ersten gemeinsamen Sieg geeinigt hat; jeder Bettler, der einem anderen Bettler über die Schulter sieht, um an einer Straßenecke das neueste Extrablatt zu lesen, kommt sich um einen Zoll gewachsen vor, nimmt etwas von dem sich immer weiter und leuchtender ausbreitenden Nationalglanz in Anspruch für sich.
Herr Wißmuth hat's gänzlich vergessen, daß er eigentlich aus Holland stammt, es genügt ihm jetzt vollkommen, daß er ein Deutscher ist. Selbst Herr Sadis legt augenblicklich weniger Wert darauf, ein »Frankfurter« zu sein! Er hat sich mit seiner jungen Gattin für ein paar Augustwochen unter dem Dache seines Schwiegervaters in Lindenbergen einquartiert, und während sie ihre Zeit hauptsächlich in immer loseren Gewändern auf einer Chaiselongue zubringt, belustigt Herr Sadis sich daran, mit Herrn Wißmuth um die Wette den Kriegsschauplatz zu studieren, und zwar auf einer umfangreichen Generalstabskarte, welche Herr Wißmuth sich zu dem Zweck angeschafft hat und die tagaus, tagein auf dem größten Tische, über den Herr Wißmuth in seiner Wohnung verfügt, aufgeschlagen liegt, und auf welcher Schwiegervater und Schwiegersohn mit bunten Papierfähnchen die Stellungen der verschiedentlichen Armeen bezeichnen.
Ganz Lindenbergen steht auf dem Kopfe vor Siegesfreude, helle Kerzlein brennen in den Fenstern fast jede Nacht – Extrablätter fliegen von Frankfurt herüber, fast jeden Tag – und daß auch in diesem kleinen Städtchen schon mehr als eine Gestalt in tiefer Trauer durch die Straßen schleicht, thut der Stimmung keinen Eintrag. Derart hat bereits das Kriegsfieber alle Herzen ergriffen, daß selbst in den Augen derjenigen, die den Tod ihrer nächsten Lieben betrauern, die Triumphfackel leuchtet.
Ja, es war eine großartige, wundervolle Zeit – eine grausige, entsetzliche Zeit!
Und Kitty! ... Die Siegeskrankheit, von der ganz Lindenbergen angesteckt war, hatte sie nicht berührt. Sie freute sich an keinem Sieg, sie dachte immer nur daran, wie viel Menschenleben er verschlungen haben mochte. Wenn draußen vor ihren Fenstern die Marktschreier aus Frankfurt mit ihren von neuem Ruhm berichtenden Extrablättern die Straßen durchplärrten, so steckte sie sich die Finger in die Ohren, und wenn des Abends auf höheren Befehl ihres Vaters, des würdigen Bürgermeisters von Lindenbergen, die hellen Kerzen in ihren Fenstern standen – da flüchtete sie in das Zimmer Anna Maries, das auf den Garten hinausblickte und von wo sie die hellen Kerzen nicht sah. O, diese beleuchteten Fenster! Sie hatte ein Grauen vor diesen beleuchteten Fenstern! Und Herr Wißmuth hatte die fixe Idee des Illuminierens – Lindenbergen kam aus dem Illuminieren nicht heraus. Kitty magerte ab bis zum Skelett, sie nahm an nichts mehr teil, schleppte sich durch ihre Existenz wie ein vom Leben losgetrenntes Gespenst. Sie aß nichts, sie schlief nicht. Einmal trat Anna Marie in ihr Stübchen hinein im ersten Morgengrauen; da sah sie das junge Mädchen in ihrem Bette aufrecht sitzend mit unheimlich horchenden Augen, den Kopf dem Fenster zugekehrt.
»Kitty, Kitty! schläfst du denn wieder nicht?« rief Anna Marie vorwurfsvoll und besorgt.
»Wie sollt ich,« erwiderte Kitty, mit den Achseln zuckend, bitter.
»Aber mein Gott, Kind, was wird denn daraus werden? Wenn er eine Ahnung davon hätte!«
»Er!« Kittys Stimmchen klang hart und heiser. »Wie weißt du, daß er noch lebt. Vielleicht ist er längst tot, während ich mich hier noch um ihn ängstige – tot, und sie haben seinen Leichnam in die Erde hineingestampft mit Hunderten von anderen unter ein bißchen Kalk und Geröll, weil nicht Zeit war, ihn ordentlich zu begraben!«