»Aber Kitty, wie kannst du dich bei solch häßlichen Vorstellungen aufhalten! Wenn ihm etwas geschehen wäre, wüßtest du's längst. Es hat kein neues Gefecht gegeben seit dem letzten, von dem du Nachricht hast.«
»Wer kann sagen, was morgen in der Zeitung stehen wird,« entgegnete Kitty herb und trostlos.
»Kitty! Etwas mußt du auch dem Allmächtigen überlassen. Vertraue auf Gott!«
Da aber merkte Anna Marie, daß sie einen falschen Ton angeschlagen.
»Auf Gott vertrauen!« rief Kitty außer sich. »Ich möchte doch wissen, ob die Angehörigen der tausend und abertausend Toten, die jeder unserer Siege« – sie sprach das Wort mit unsagbarem Haß aus – »der Menschheit kostet, alle auf Gott vertraut haben!«
»Kitty! unser Erdenleben ist nicht das Höchste in der Welt,« ermahnte Anna Marie sanft; sie war fromm, gläubig fromm, wenngleich ohne Frömmelei.
»Nicht,« murmelte Kitty, »vielleicht nicht, aber es ist schön, es kann wenigstens schön sein – ich wünsche mir nichts Schöneres im Himmel als den Tag, den du uns gegönnt hast damals, gleich nach unserer Verlobung – weißt du noch, wie wir unter dem Apfelbaum gesessen haben, du und wir zwei – bis tief in den Abend hinein, bis die Sonne untergegangen war und die Sterne im Himmel funkelten und der Tau fiel – er hielt mich in seinem Arm und wir sprachen von der Zukunft.« Mit einemmal verstummte Kitty. Sie wendete den Kopf dem Fenster zu, durch welches das erste Morgenlicht nüchtern und weißlich hereinschlich. »Hörst du!« rief sie, indem sie Anna Marie beim Handgelenk packte. Anna Marie horchte auf. Durch das ruhig ausatmende Schweigen des sich langsam entschleiernden Augustmorgens schlich etwas Seltsames, Beunruhigendes. Erst war's nur ein leises Zittern des Erdreichs, aus dem Zittern wurde ein Laut, es klang wie ferner Hagel, der noch in den Wolken steckt – stärker, immer stärker – es kam an den Fenstern vorbei – die Schritte eines vorübermarschierenden Regiments waren's.
»Die gehen auch in den Krieg hinaus,« murmelte Kitty, »ich hör sie oft im Morgengrauen – mehr, immer mehr, mir ist's jedesmal, als zöge ein Begräbnis an meinem Fenster vorbei. Wie viel Leichen – mein Gott – wie viele Leichen!«
Arme Kitty!