Ihre ganze Existenz war eine beständig gespannte, auf Nachricht harrende, sich vor Nachricht ängstigende Qual. Eine Stunde voraus stand sie am Fenster und lauschte dem Postboten entgegen, der die Zeitung und die Briefe brachte, und wenn sie ihn kommen sah, lief sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich, an allen Gliedern zitternd, auf ihr Bett und versteckte den Kopf in ihr Kissen. Wenn Herr Wißmuth mit leuchtenden Augen und erhobener Stimme den jüngsten Siegesbericht vorlas, so schlich sie sich aus der Stube, dann heimlich bemächtigte sie sich der Zeitung, schloß sich damit in ihr Zimmer ein und grübelte über jedes Wort. Bei den Siegen hielt sie sich nicht lange auf, um so länger bei der Beschreibung der Greuel, die auf die Siege folgten.

Das dauerte bis Ende August. Aber über einen gewissen Grad reicht unser Vermögen, den Schmerz zu empfinden, nicht aus. Als Altenried vier-, fünfmal im Feuer gestanden, ohne daß ihn eine Kugel gestreift, regte sich in Kitty der vermessene Gedanke, er trüge vielleicht ein gegen den Kugelregen gefeites Leben in sich wie jene großen Helden, die, nachdem sie ihre Zeit damit verbracht, die Gefahr in jeder Form herauszufordern, schließlich ruhig in ihrem Bett gestorben waren.

Sie hatte ein paar Briefe von ihm erhalten durch die Feldpost – Briefe voll junger, ungestümer Zärtlichkeit, voll junger, ungestümer Siegesbegeisterung, grenzenlosem Pflichteifer und unbefangenen, fast unbewußten Heldenmuts. Bescheiden erwähnte er der Anerkennung seiner Vorgesetzten. Nicht, daß er seinen kleinen Triumphen große Wichtigkeit beimaß – aber ... »Du freust dich doch immer, wenn man mich herausstreicht, Kitty,« schrieb er, »und du bist ein so armer Narr jetzt, daß ich dich nicht um ein bißchen Vergnügen bringen darf aus feiger Angst, für einen Prahlhans zu gelten. So renommiere ich denn vor dir in Gottes Namen drauf los!«

Sein letzter Brief datierte vom einundzwanzigsten August. Er war avanciert und mit dem eisernen Kreuze ausgezeichnet worden, man hatte ihn dem Kronprinzen vorgestellt, der Kronprinz hatte ihm die Hand gereicht. Dann folgte eine Beschreibung des herrlichen Kronprinzen. Welche Zukunft breitete sich vor ihm aus!

Kittys Wangen hatten von neuem begonnen sich zu färben, ihr Gang gewann etwas von seiner alten, hüpfenden Elasticität.

In den ersten zwei Tagen des Septembers erfaßte die gräßliche Angst sie jedoch von neuem und in gesteigertem Maße. Sie konnte es nirgends aushalten, nicht da, nicht dort – Nahrung zu sich nehmen, war ein Ding der Unmöglichkeit, und jeder Atemzug that ihr weh.

Sie behauptete, daß sie den Kanonendonner höre – einen schrecklichen Donner, etwas wie Donner, in den sich Hagelschlag mischte. Sie begriff nicht, daß es die anderen nicht hörten.

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Zur selben Zeit lag in einem Straßengraben mitten zwischen den grünen Triften zu Füßen der Hügel, auf denen das Fort von Sedan sich erhob, Hans von Altenried schwer verwundet, über ihm eine leuchtende Sonne in einem blauen Himmel – in der Ferne Hurrageschrei, rings um ihn Sterbende und Leichen.

Nicht einen Schluck Wasser, nicht einen Atemzug reiner Luft – alles verpestet von Pulverdampf, von dem faulen, süßlichen Geruch geronnenen Blutes, von dem scheußlichen Gestank der in der warmen Sonne in Verwesung übergehenden zerrissenen Menschenleiber.