Sein ganzes bißchen rasch hinschwindendes Leben war nichts mehr als eine unaussprechliche Pein, die an jeder Fiber seines Körpers herumriß. Im Kopf stach's ihn wie mit glühenden Messern, Schwindel und Übelkeit lähmten ihm Leib und Seele und seine Wunden brannten.
Das Hurraschreien in der Ferne mehrte sich. Mitten aus seiner Qual heraus meldete sich die Neugier, er hätte gern gewußt, weshalb sie schrien; so laut hatte er sie noch nicht schreien gehört. So laut noch nie!
Mühsam hob er den schmerzenden Kopf und spähte und horchte – dann wurde ihm mit einemmal alles gleichgültig, alles zum Ekel. Er ließ den Kopf sinken.
Mit welcher Begeisterung war er heute ausgegangen – den Säbel in der Hand an der Spitze des kleinen Häufleins, das er befehligte. Er war sich wichtig vorgekommen, er hatte etwas leisten wollen. Und jetzt ... Kein Mensch kümmerte sich um ihn, kein Mensch vermißte ihn. Er brachte es nicht einmal mehr fertig, stolz zu sein darauf, daß er heute ein Atom gebildet hatte in dem großen, seine Ziele verfolgenden Ganzen. Mitten in seine Schmerzen hinein schlich sich ein demütigendes Gefühl seiner elenden Unwesentlichkeit.
Er dachte an Kitty – die Thränen traten ihm in die Augen.
Große Wolken von fetten blauen Fliegen schwirrten über die Leichen – ein paar setzten sich ihm aufs Gesicht, er wollte die rechte Hand heben, um sie zu verscheuchen – er konnte nicht – von seinem rechten Arm war nichts übrig als ein zerfetzter Stummel, an dem ein Klumpen schwarzen Blutes hing.
Knapp neben ihm hin flatterte mit schwerfällig humpligem Flügelschlag ein Rabe. Er schrie auf, der Rabe flog weiter, setzte sich einem toten Soldaten auf die Brust und fing an, ihm die Augen auszupicken. Ein maßloses Grauen überkam ihn, er schloß die Augen. So lag er da, sterbend – den fernen Siegesjubel in den Ohren, rings um ihn Leichen, über ihm der endlose blaue Himmel, aus dem die Sonne schien.
Einen Tag später hatte sich der Siegesjubel über ganz Deutschland ausgedehnt. Das französische Heer gefangen, und mit ihm der Kaiser der Franzosen! Das Wort Sedan flog von Mund zu Mund, und wieder standen Kerzen in allen Fenstern, viel größere und schönere als bisher – in der Kirche wurde ein Gottesdienst gehalten und ein Tedeum gesungen und ganz Lindenbergen war beflaggt. Anna Marie war es indessen, als würge sie eine eiskalte Hand an der Kehle. An Kitty hatte sich im Gegenteil eine merkwürdige Veränderung vollzogen. Nach der letzten gräßlichen Panik hatte sie sich vollständig beruhigt. Ihr Angstgefühl hatte sich abgestumpft, oder vielmehr hatten ihre bereits früher geschwächten Nerven nachgegeben und hatten es als eine zu schwere Last von sich abgeworfen. Sie gab sich einer kindischen, geschwätzigen Hoffnungsseligkeit hin. Sie wurde zornig, weil Anna es nicht über sich brachte, in ihre blinde Zuversichtlichkeit mit einzustimmen.
Und zwei, drei, vier Tage waren vergangen, sie hatte nichts gehört vom Schlachtfeld, es mußte alles gut sein!