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»Nein, unter Paris thu ich's nicht!« erklärt Herr Wißmuth großartig. Er will nichts vom Frieden wissen, den einzelne, weniger ausschweifend siegeslustige Gemüter als er nach der Katastrophe von Sedan in Vorschlag gebracht haben.

»Wir müssen einmarschieren unter dem arc de triomphe!« Und dabei blähte er seine Brust auf, als habe er alle Schlachten mit durchgefochten oder vielmehr, als sei er an der Spitze sämtlicher Truppen gestanden.

»Aber mein Gott, es sind doch schon Menschenleben genug zu Grunde gegangen! Seid doch zufrieden mit dem, was ihr errungen habt!« rief Anna Marie fast zornig.

»Du bist eine Österreicherin, du kannst dich in unsere Gefühle nicht hineinversetzen!« entgegnete ihr Herr Wißmuth. »Als ob's auf ein Menschenleben mehr oder weniger ankäme, wenn sich's um das Vaterland handelt. Zu große Friedensliebe wirkt immer erschlaffend, erniedrigend – das point d'honneur der Nation muß gewahrt werden!«

Im Grunde genommen stand Herr Wißmuth zum point d'honneur in einem sehr platonischen Verhältnis – aber das nur nebenbei. Die Tapferkeit ging ihm über alles, und auf das bißchen Blutvergießen kam's ihm nicht an – was ja ganz natürlich war, da er vor so und so viel Jahren als zum Militärdienst untauglich erklärt worden war – wegen Plattfüßen.

Die heftigsten Chauvinisten sind immer die Männer, denen die Militärfähigkeit fehlt.

Herr Sadis legte ein gutes Wort ein für den Frieden. Er spekulierte letzterer Zeit auf die Hausse.

Die beiden Herren befanden sich mit Anna Marie und Frau Sadis in dem großen Wohnzimmer, in dem das Vesperbrot genommen zu werden pflegte – einem luftigen Raum mit tiefen Fensternischen in blaßblau gemalten Wänden und sehr wenigen altväterischen Möbeln. In einer Ecke vor einem schwarzen Roßhaarsofa stand ein freundlich gedeckter Tisch mit blau und weißen Porzellantassen, Gebäck und Obstschüsseln besetzt – man wartete nur auf den Kaffee, um sich niederzusetzen.

Herr Wißmuth studierte wie gewöhnlich den Kriegsschauplatz, Frau Sadis lag in einem großen Lehnstuhl und rang nach Atem. Anna Marie häkelte an irgend einem sehr kleinen Gegenstand, und Herr Sadis hielt einen freien Vortrag über die politische Situation. Durch das offene Fenster drang die regengekühlte Septemberluft mit einem Duft von Rosen und nasser Erde und mit dem Geruch der ersten, in den Sommer hineinbrechenden Herbstfäulnis. Zu gleicher Zeit tönte ein von einem süßen Waldvogelstimmchen gesummtes Lied bis hinauf. Es war Kitty. Sie sang zum erstenmal seit der Kriegserklärung und zum erstenmal beschäftigte sie sich wieder damit, ein paar Rosen abzuschneiden zur Ausschmückung der Zimmer.