Sie sitzt in ihrem sehr kleinen, aber traulichen Absteigequartier in Wien beim Frühstück zwischen zwei gepackten Koffern, trinkt abwechselnd ihren Thee und schreibt in aller Eile einen letzten Brief vor ihrer Abreise; denn, wie es ja bereits die zwei gepackten Koffer verraten, soll sie abreisen und zwar, um ihre Cousine Gräfin Ruysbruck, geb. Nikoltschjany, nach England zu begleiten, auf die Insel Wight.
Da klingelte es draußen. »Der Briefträger,« murmelte Anna Marie, kaum den Kopf hebend, vor sich hin und schrieb weiter. Die Jungfer präsentierte ihr den Posteinlauf – mager genug, ungewöhnlich mager für Anna Marie – ein einziger dünner Brief, einer aber, der für Anna Marie eine große Bedeutung haben mußte. Sie wechselte die Farbe, als sie ihn erblickte. Er rührte von Kitty her.
Eilig erbrach sie ihn und las:
Meine liebe teure Anna,
mein lieber unvergeßlicher Schutzengel, komm zu mir!
Du lächelst gewiß traurig zu dem Worte Schutzengel. Das grenzenlose Elend, welches mich in meiner Jugend zermalmt, hast du freilich nicht von mir abwenden können; stärker als das Schicksal bist du nicht gewesen, aber doch stärker als ich. Du hättest mich aufrecht erhalten vor mir selbst, und hättest mich davor bewahrt, der bethörendsten aller Versuchungen zum Opfer zu fallen, einer Versuchung, die sich hinter einem falschen Pflichtgefühl versteckt.
Ich breche zusammen unter der Last, die ich in hochmütiger Überschätzung meiner Kraft auf mich genommen. Vielleicht kannst du mir helfen, sie zu tragen, kannst sie mir zum wenigsten derart zurechtlegen, daß ich im stande sein werde, sie weiter zu schleppen. Jedenfalls wird es mir ein Trost sein, dich neben mir zu haben.
Liebe Anna, ich brauche dich so notwendig. Das Leben ist entsetzlich.
Dein in alter dankbarer Liebe
Kitty.