Des alten Freundes erwähnte sie gar nicht mehr. Wenn sie von irgend etwas, das sich nicht auf ihre drei Schützlinge bezog, schrieb, so waren es allerhand häusliche Sorgen, die sie andeutete, ohne dieselben zu erklären. Wie hätte sie auch können, da es sich hauptsächlich um ihren Vater handelte.

Wie Anna Marie zwischen den Zeilen zu lesen glaubte, schien sich Herr Wißmuth auf seine alten Tage einem sehr unregelmäßigen Lebenswandel ergeben zu haben, das bißchen Vermögen, das ihm von seinem ehemaligen Wohlstand noch übrig geblieben, zerfloß dabei zwischen seinen Händen wie Wachs.

Dann kam die Nachricht von dem Tode Berthas, die nach qualvollen Leiden an der Wassersucht verschieden war, dann die Nachricht von Herrn Wißmuths Wiedervermählung und zwar mit einer untergeordneten Person, einer Kellnerin im Gasthaus zum Löwen in Lindenbergen, die bereits jahrelang seine Geliebte gewesen war. Dann folgte eine lange, lange Pause in dem einst so regelmäßigen Briefwechsel der beiden Freundinnen, und endlich eines Tages erhielt Anna ein paar Zeilen von Kitty, in welchen diese tief beschämt um ein kleines Darlehen bat.

Natürlich sandte ihr Anna äußerst bestürzt alles, worüber sie an barem Gelde augenblicklich verfügte.

Zu ihrem großen Erstaunen erhielt sie die Summe binnen wenigen Tagen zurück mit einem linkischen und sehr verlegenen Zettel Kittys. Dann schrieb Anna Marie mehrmal, ohne daß ihr eine Antwort zu teil wurde. Von jener Zeit ab stockte die Korrespondenz. Da, an einem leuchtenden Frühlingstag im Jahre 1880, erhielt Anna die gedruckte Anzeige der Vermählung Kittys mit Herrn Karl Förster. Das Blatt fiel Anna aus der Hand; als sie es wieder aufnahm, um den Tag der Vermählungsfeier festzustellen, bemerkte sie, daß diese um fast drei Wochen zurückdatierte. Die Anzeige zitterte in ihrer Hand. »Sie hat sich vor mir geschämt,« murmelte sie. »Kein Wunder!«

Es verletzte sie bis ins Innerste, daß Kitty, sei's auch aus dem herbsten Elend heraus, sich zu dieser Verbindung hatte erniedrigen können.

Sie faßte die Gratulation, mit welcher sie die Nachricht beantwortete, so kurz als möglich. Das durch jahrelange Trennung kaum gelockerte Band, welches sie so lange innig mit Kitty verknüpft, war mit einemmal zerrissen.

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Als Anna Marie die Anzeige von Kittys Vermählung erhalten hatte, war der Frühling noch kaum gekommen; jetzt ist der Sommer beinah vorbei. Damals waren die rosigen Knospen an den Apfelbäumen noch fest geschlossen, jetzt sind die Blüten dahin, die Blätter fangen an zu fallen, erst vereinzelt, bald da eins, bald dort, und die Äste hängen voll bausbackiger runder Früchte, deren grüne Wangen sich rot zu färben beginnen. Es ist der letzte August – der letzte August 1880. Zehn Jahre sind verflossen, seitdem bei Sedan die zweite französische Kaiserkomödie ihren tragischen Abschluß gefunden hat – zehn Jahre, seitdem die alten Märchen lebendig geworden sind, seitdem das Deutsche Reich gewaltiger, weltbezwingender denn je, sein in langem Zauberschlaf versunkenes Haupt emporgehoben hat – zehn Jahre, seitdem der alte Barbarossa von Deutschlands Dichtern und Dichterlingen gnädig und etwas wehmütig zugleich aus dem Kyffhäuser entlassen worden ist.

Anna Maries Haar ist weiß, aber sie ist noch immer eine schöne alte Frau. Ihre Züge haben nichts von deren edlem Schnitt eingebüßt, ihre Haut ist noch immer frisch und ihr Blick ist teilnahmsvoller, ihr Lächeln sympathischer als je.