Er soll so werden wie der, dessen Andenken für mich immer das Heiligste auf der Welt bleiben wird, genau so wie der, selbst wenn er so enden müßte – selbst dann!

Mein Liebling ist der jüngste, der kleine Hans. Es ist ein Zufall, daß er Hans heißt, aber mich freut's. Er ist auch der schönste von allen dreien, blond mit krausen Härchen, in die sich die Sonnenstrahlen verfangen, wenn ich mit ihm auf dem Arm durch den Garten geh, und mit so lieben, großen blauen Augen. Einmal hab ich mich mit ihm auf die alte Birkenbank gesetzt, unter dem Apfelbaum, du weißt, die Bank, auf der wir damals zusammengesessen haben, du, er und ich, an dem Frühlingstag, den du uns gegönnt hast. Und da sind mir plötzlich Gedanken gekommen – allerlei Gedanken, wie das alles hätte so werden können, und daß der Kleine da auf meinem Knie eigentlich mein eigenes Söhnchen hätte sein dürfen – und plötzlich hat mich das Schluchzen geschüttelt, ach so ein Schluchzen! Da hat sich der Kleine mit einem Händchen an meinem Halskragen angeklammert, um sich auf meinem Schoß aufzustellen, und hat mir alle meine Thränen weggeküßt. Seit der Zeit wein ich nicht mehr.

Aber glaub du nur ja nicht, daß ich darum weniger an meinen lieben Toten denke. Nein, das wird dasselbe bleiben mein lebenlang. Seinem Andenken geschieht kein Eintrag durch die neuen Interessen, an denen ich mich aufrichte, und ich glaube, er selbst würde sich freuen, daß mir dieser Trost beschieden ward, daß der Schatz an Liebe in meinem Herzen, von dem ich gar nichts wußte, ehe er ihn gehoben – denn früher war ich ein vergnügungssüchtig, oberflächlich Ding wie nur eine –, dieser große Reichtum, mit dem ich nichts mehr anzufangen wußte, seit ich ihn ihm nicht mehr geben konnte, und der mir die ganzen leeren Jahre lang das Herz abgedrückt hat – endlich, endlich jemandem zugute kommt.

Ich soll wieder hübsch geworden sein, sagt man mir, und ich bin wohler und heiterer, das fühl ich selbst. Vorige Woche hatte ich einen Heiratsantrag. Du kannst dir denken, wie mir dabei zu Mute war, und gestern blieb Herr Förster, dem ich in Frankfurt, wohin ich gefahren war, um eine Trommel für Hänschens ersten Geburtstag zu kaufen, begegnete, stehen, um mir nachzustarren. Ach du lieber Herrgott!

Hans, neben dessen Bett ich dies schreibe, während er sein Vormittagsschläfchen hält, ist aufgewacht, durch einen kleinen, kichernden Vogelschrei hat er mir's gemeldet. Soeben habe ich das Gitter seines Bettchens heruntergelassen. Er sitzt zwischen seinen Kissen, die goldenen Härchen zerzaust, die Wänglein rot vom Schlaf, und schaut mich aus runden, blauen Augen feierlich an. O dieser gerade, vertrauensvolle Kinderblick – der Blick, der in uns sein allmächtiges Schicksal sieht, seinen Gott, der ihm willkürlich Freud und Leid austeilt! Wenn man sich denkt, daß man seinem Flehen einmal nicht gerecht werden könnte, ihm antworten müßte, ich kann nicht, ich kann nicht!

Vorläufig kann ich noch alles, was er von mir will – lieber, dummer, hilfloser kleiner Hans! Er will, daß ich ihn ankleiden und ihm seine Suppe bringen soll. Ich freu mich schon darauf. Hätt's nicht geglaubt, daß ich's noch einmal lernen würde, mich an irgend etwas im Leben zu freuen!

Dein in alter, herzlicher Dankbarkeit

Kitty.«

Als Anna Marie dieses Schreiben erhielt, war ihr's, als ob man ihr eine Last vom Herzen genommen hätte, und sie sagte: »Gott sei Dank!« Sie sagte »Gott sei Dank« auch, als Kittys früher regelmäßig zweimal des Monats eintreffende Briefe seltener und seltener wurden, denn für sie war es ein Beweis, daß Kitty zufrieden und beschäftigt war und ihrer Teilnahme entraten konnte.

Dann aber machte sie eine Entdeckung, die sie betrübte. Wie alle Menschen, deren sich nach jahrelangem, quälendem Herzenshunger ein neues Interesse bemächtigt, ging Kitty vollständig auf in dieser neuen Empfindung – sah und fühlte nichts mehr, was nicht damit zusammenhing. Die Kinder füllten ihre ganze Existenz aus, sie beugte ihren Geist zu deren physischen Bedürfnissen und sich kaum entfaltendem Seelenleben nieder, ohne auch nur einen Gedanken mehr übrig zu behalten an das, was darüber hinausging. Sie wurde, so schien es Anna Marie, hausbacken, kleinlich, eng, und in Bezug auf alles, was nicht mit ihrem neuen Liebesfanatismus zusammenhing, sogar peinlich nüchtern.