Kurz nach der Heimkehr der Truppen hatte Anna Marie ihren blassen Liebling verlassen müssen. Ein anderer leidender Mensch hatte nach ihr gerufen, nach der lindernden Zartheit ihrer Hand, nach der innigen Teilnahme ihres Blickes.

Ein kranker Bruder war's. Sie pflegte ihn erst in Gleichenberg, dann in Kairo, blieb an seiner Seite, bis er sich die Seele aus dem Leibe herausgehustet hatte. Dann bestürmte die verheiratete Tochter ihres Tricktrackonkels sie, sich ihres Hausstandes anzunehmen – kurz, das und jenes kam; als sie wieder frei gewesen wäre, sich Kitty zu widmen, war ihr Platz im Hause des Herrn Wißmuth bereits ausgefüllt. Ein großer Jammer hatte die Familie heimgesucht, ein großer Jammer für alle anderen, für Kitty ein Trost.

Wie alle gebrochenen Menschen, in denen ein edler Kern steckt, vergaß sie ihren eigenen Schmerz erst, als sie den eines anderen auf sich lud.

Herr Sadis war seit dem Jahre 1870, wo er sich durch seine flink abwechselnde Hausse- und Baisse-Börsengymnastik ein Vermögen erspielt, ein so verwegener Spekulant geworden, daß er sich eines schönen Tages anläßlich einer besonders kühnen Unternehmung den Hals gebrochen hatte, das heißt, er hatte sich ihn abgeschnitten, um sich nicht bankerott erklären zu müssen.

Seine Witwe, die er völlig mittellos zurückließ, suchte mit ihren drei Kindern Schutz unter dem väterlichen Dach. Sie war wie erdrückt und verdammt von dem Schicksalsschlag, der sie, da sie von dem Stand der Geschäfte ihres Mannes nichts geahnt, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hatte. Ihr Mut war gebrochen, ihre Gesundheit bedroht, dabei war sie durch ihren jahrelangen Wohlstand dermaßen verwöhnt, daß sie die Hände kaum mehr zu rühren vermochte und, anstatt selbst irgendwo zuzugreifen, mehr Bedienung brauchte und Umstände im Hauswesen verursachte, als ihre drei Kinder zusammen. Von früh bis abend that sie nichts, als sich über die Undankbarkeit ihrer Frankfurter Bekannten beklagen und Briefe an ein paar alte Schuldner ihres Mannes schreiben, welch letztere leider durchaus nicht gesonnen schienen, ihren Verpflichtungen nachzukommen, so daß Frau Sadis nie die Papier- und Postkosten dieser äußerst unfruchtbaren Korrespondenz herausschlug. Kitty sah das klar, aber sie ließ die Schwester gewähren. Mein Gott, dieses ewige Gekritzel war doch wenigstens eine kleine Zerstreuung, ein Sorgenableiter für die Tiefgebeugte. Wenn Bertha Sadis nicht Briefe schrieb, so weinte sie. In diesen beiden Beschäftigungen gipfelte ihre ganze Thätigkeit.

Entweder wird man von zu viel Weinen mager, oder man wird dick. Bertha Sadis gehörte zu denjenigen, welche dick wurden. Sie wurde unförmlich, was zu ihrer Unbeholfenheit noch beitrug. Die Mühe der Erziehung und Pflege der Kleinen lastete somit ausschließlich auf Kitty. Mit welchem Eifer sie sich derselben widmete! Die Kinder hingen bald an ihr wie die Kletten, und sie betete sie an. Sie waren übrigens reizend, alle drei. Merkwürdigerweise sahen sie weder Vater noch Mutter, sondern, und zwar recht auffallend, Kitty ähnlich. Zwei Jungen waren's und ein Mädchen. Das mittlere war ein Mädchen. Kitty zog die Knaben vor. Sie schrieb einmal anläßlich dessen an Anna Marie:

»Ja, du hast's erraten, ich hab die Jungen, oder wie du unverbesserliche Österreicherin sagen möchtest, die ›Buben‹ lieber als das Mädchen – wegen der allgemeinen Wehrpflicht, und weil sie's überhaupt schwerer haben im Leben, wenigstens Knaben in den Verhältnissen, in welchen meine armen, kleinen Schützlinge aufwachsen werden.

Es ist dies nicht die landläufige Ansicht, ich weiß wohl, aber es ist meine Ansicht. Männer müssen das Leben tiefer, ernster auffassen als wir Frauen, sie dürfen sich ihm gegenüber nicht in tröstliche Täuschungen einspinnen, sondern müssen seiner ganzen Häßlichkeit unerschrocken in die Augen sehen, sie müssen arbeiten, oft ohne Lust, manchmal mit versagender Kraft, damit die schwachen Geschöpfe, die von ihnen abhängen und deren Glück ihr Glück ausmacht, sorglos zu feiern vermögen; solche Männer, wie ich sie aus den zwei reizenden Knirpsen herauserziehen möchte, die Gott unter meine Hut gestellt hat.

Der älteste heißt Fritz; er ist, dessen solltest du dich übrigens besser erinnern als ich, die damals nicht mehr wußte, was um mich herum vorging, mitten im Feldzug von Anno 1870 geboren worden, und darum hat man ihn nach unserem wundervollen Kronprinzen getauft.

Er ist prächtig, so aufgeweckt und schneidig, mit schrecklich viel Lust zum Soldatenspielen, obgleich er erst vier Jahre zählt. Zuweilen geht mir's quer durchs Herz, wenn ich ihn, seinen kleinen Blechhelm auf dem Kopf, einen Kindersäbel in der Hand, Hurra schreiend eine Schanze nehmen seh, die manchmal aus einem alten Schiebkarren, am häufigsten bloß in seiner Einbildungskraft besteht. Aber ich möcht ihn doch nicht anders haben und will auch seinen kecken Mut nicht verstümmeln durch allzu ängstliche Zügelung und Überwachung, so schwer mir gerade das fällt.