Und ein Tag kam, wo Anna Marie sie mit der Zartheit einer Mutter, die ihr Kind aus der Wiege hebt, ankleidete und an ihrem Arm langsam das erste Mal aus ihrem Krankenzimmer in die anstoßende Stube führte. Sie erholte sich verhältnismäßig rasch, es kam die Zeit, wo sie ihren täglichen Beschäftigungen nachging wie früher. Sie war wieder hübsch, trotz der übergroßen Augen und der krankheitshalber kurz gestutzten Haare; aber die alte Kitty war's nicht mehr. Das Haar war dunkler geworden, das tanzende Licht in den Augen war fort. Der Sonnenstrahl, der sich ehemals in das kleine Persönchen versteckt zu haben schien und aus allen Ecken und Enden ihres liebenswürdigen Wesens herauszuckte, war erloschen. Das Beste, Schönste, Wärmste in ihr war tot! Was in ihr übrig blieb, war das, was von einem Baum übrig bleibt, von dem der Hagel im Frühling die Blüten heruntergeschlagen.
Und die Tage reihten sich an die Tage, die Monate an die Monate.
Ein Sieg folgte dem anderen – die alten Märchen wurden lebendig – die Einigung Deutschlands war vollzogen, ein neuer Deutscher Kaiser war erstanden! Barbarossa war erlöst!
Der Feind war hinter den Rhein zurückgedrängt, und die kriegslustigen Politiker, die bei einem Glase Bier und über ein Schachbrett hinüber die Geschicke der Welt im Kaffeehaus zurechtschnitten, gaben sich mit den Errungenschaften »ihrer Armee« zufrieden.
Nur Herr Wißmuth war nicht einverstanden mit dem von Deutschland geschlossenen Frieden, seiner Ansicht nach hätte Deutschland entschieden das ganze französische Reich annektieren müssen.
Und der Frühling kam, und die Truppen, was von ihnen übrig war, kehrten ins Vaterland zurück. Und ganz Lindenbergen war beflaggt, und die Häuser waren grün von Blumengewinden und bunt von Teppichen, die Fenster standen voll Menschen, welche den Siegern zujubelten.
Unter diesen Menschen waren viele in schwarzen Trauerkleidern, und auch diese jubelten, mit Thränen in den Augen jubelten sie.
Nur Kitty, Kitty, die nicht einmal ein schwarzes Trauerkleid tragen durfte, die jubelte nicht! Während es durch die Straßen schallte, ein Hurraschreien ohne Ende, und mit schmetternden Trompeten »Heil dir im Siegerkranz« erklang, kniete Kitty hinter verschlossenen, verdunkelten Fenstern im stillsten Winkelchen des Hauses vor Anna Marie, den Kopf in ihrem Schoß.