»Tot oder verwundet?« fragt Frau Sadis.

»Tot!«

Ein gräßlicher Schrei tönt durch das Zimmer! Die Rosen fallen Kitty aus der Hand, ihre Augen heften sich darauf; dann stürzt sie bewußtlos zu Boden.

Wie Kitty die Zeit, die nun folgte, überstand! – Daß sie sie überstand, war Anna Marie ein Rätsel.

Ihre Verzweiflung war etwas, das keiner mitansehen konnte, von dem die Teilnehmendsten sich abwendeten. Nur Anna Marie hielt's neben ihr aus.

Die ersten zwei Tage blieb Kitty thränenlos, man fürchtete um ihren Verstand und Anna Marie gönnte ihr den Tod.

Aber der Tod kam nicht. Am dritten Tage zog eine Truppenabteilung durch die Stadt mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Es schmetterte laut durch die Straße »Heil dir im Siegerkranz«, und ganz Lindenbergen war an den Fenstern, um den Helden, die dem Kriegsschauplatz zueilten, nachzuschauen.

Der schrille Ton der Trompeten weckte Kitty. Als Anna Marie an das offene Fenster eilte, um es zu schließen und hierdurch den Schall zu dämpfen, merkte sie plötzlich, daß Kitty, die bisher nicht zu bewegen gewesen war, aus der dunklen Ecke herauszukommen, in der sie Stunde für Stunde gekauert hatte, herausgeschlichen war. Ihre Starrheit wich – alles begann an ihr zu zittern, ihr blasses Gesicht verzerrte sich, die Thränen stürzten ihr aus den Augen und sie hielt sich mit beiden abgemagerten Händen die Ohren zu.

Ja, die Thränen waren gekommen, aber irgend eine Erleichterung noch lange nicht! ... die Verzweiflung Kittys war nicht milder, geduldiger Natur, nein, es war eine entrüstete Auflehnung gegen das Schicksal, das ihr alles genommen. Es kamen Zeiten, wo sie sich die Kleider vom Leibe herunterriß und sich endlich auf ihr Bett warf und das Gesicht in die Polster versteckte, um nicht laut zu schreien. Manchmal gab ihr bißchen Selbstbeherrschung nach, und sie schrie; wenn Anna Marie sich ihr näherte, um sie zu beruhigen, so schlug sie nach ihr – dann löste sich dieser Zustand in einen Strom von Thränen, und wenn sie sich müde geweint, dann kroch sie an Anna Marie heran, zitternd und demütig, kniete neben ihr nieder, küßte ihr die Hände und legte ihr den Kopf auf die Knie. Eines Tages sank sie um, als sie ihr Bett verlassen wollte.

Der Doktor wurde gerufen. Er konstatierte ein Nervenfieber. Drei Monate war Kitty todkrank, drei Monate, während deren Anna Marie Tag und Nacht nicht von ihrem Lager wich. Plötzlich wendete sich's zum Bessern mit ihr, sie genas.