Kitty war nicht entgegengekommen auf die Bahn, sondern hatte ihr nur einen Wagen und einen schriftlichen Willkommengruß geschickt.
Anna Marie war ein wenig enttäuscht, sie begriff nicht recht, und während sie in den Kissen des sehr eleganten Viktoria, der sie in Hanau abgeholt hatte, denselben hübschen Weg entlang fuhr, den sie damals mit Kitty gefahren war, überließ sie sich allerhand Betrachtungen. Damals vor zehn Jahren – und heute ... Wie verschieden war alles! Damals war Frühling gewesen, jetzt war's Herbst, ein früher Herbst. Es hatte stark geregnet in der Nacht, ein süßer Duft von faulendem Holz und faulenden Blättern schwebte über die nasse Erde hin. Alles war still, nur ein leiser, wehmütiger Hauch seufzte in den Kronen der alten Linden, aus weiter Ferne hörte man das eintönige Wimmern einer Dampfdreschmaschine. Mit einemmal schnitt ein scharfer, harter Laut in die Stille hinein. Anna Marie fuhr auf, eins der Pferde begann sich zu bäumen, der Kutscher hatte Mühe, es zu beruhigen. Der Lakai wendete sich indessen, den Hut ans Ohr haltend, nach Anna Marie und bemerkte: »Es sind die Manöver, gnädige Frau!« Der Frauenrang verstand sich für ihn einer so würdigen und stattlichen Dame gegenüber von selbst.
Indem biegt der Wagen aus der Lindenallee in die Heerstraße, über die sich die Apfelbäume neigen. Zwischen den krummen, grauen Stämmen erblickt Anna Marie auf den Stoppelfeldern endlose Reihen von Soldaten platt auf dem Bauch ausgestreckt mit ausgespreizten Beinen und das Gewehr an der Wange; Offiziere zu Fuß, Offiziere zu Pferde mit lautem Kommando hin und her galoppierend über Stoppeln und Schollen; kleine, rote Fähnchen in den Boden eingerammelt, gegen den flachen Horizont zu im Sonnendunst blinkend etwas wie einen breiten Streifen von weißlichem und gelbem Metallglanz, der sich langsam zu zerteilen und zu verdunkeln scheint – ein heranmarschierendes Regiment, von dem man anfangs nichts als das Geblitz der Waffen und blanken Knöpfe gesehen hat; auf dem hohen Feldrain zahllose Zuschauer, ein oder der andere Gutsbesitzer aus der Umgebung zu Pferd, ein paar schäbige Kareten mit abgeschundenen Rädern und altersgrauem Lederzeug, bespannt mit tief eingesattelten Schindmähren, die sich mit den dünnen Schwänzen, so gut es geht, gegen die fetten blauen Herbstfliegen wehren, und angefüllt mit aufgeputzter, eroberungslustiger, kleinstädtischer weiblicher Schaugier; ein junger Forstgehilfe zu Pferd, mit einem ziegelroten Gesicht, sehr dick und vom Kopf bis zu den Füßen grün angezogen, so daß er aussieht, als ob er im Begriff stünde, sich langsam in einen Laubfrosch zu verwandeln; ein Marketenderkarren, an den ein wahnsinnig wimmernder und bellender Hund angebunden ist; große Haufen neugieriger Zerlumptheit rings herum; und etwas weiter in dem Feld, knapp neben der Aktion, so nah, als es überhaupt zulässig ist, ein Break und ein Landauer, beide dicht mit Menschen besetzt – auf dem Bock des Breaks eine elegante, üppige weibliche Gestalt, einen Operngucker in der Hand. »Ist das nicht Emma Becker?« fragt sich Anna Marie.
Da der Wagen, welcher sie von der Bahn geholt, einer ihm die Straße versperrenden Truppenbewegung halber halten muß, der Diener sich infolgedessen verpflichtet fühlt, Fräulein von Hohleisen zu unterhalten, wendet er sich nach ihr um und sagt, auf die beiden Equipagen im Manöverfeld deutend: »Das sind unsere Herrschaften, gnädige Frau.«
»Ist Frau Förster dabei?« fragt nicht ohne Aufregung Anna Marie.
Der Diener schüttelt den Kopf. »O nein!« sagt er betrübt, »die gnädige Frau hat keinen Sinn dafür, sie kann das Schießen nicht vertragen. Sie ist nicht so fürs Militär; aber die anderen Damen, du mein Gott! jeden Tag rücken sie aus mit der Truppe und bleiben draußen, solange noch ein Soldat auf dem Felde ist!«
Der Diener hat selbst noch bis vor einem halben Jahr und zwar bei den Ziethenhusaren gedient, daher seine ritterliche Besorgnis um Anna Maries Unterhaltung, sowie seine respektvolle Zutraulichkeit.
Während er noch spricht, bemerkt Anna Marie zwei kleine Jungen auf allerliebsten schottischen Ponies, der eine etwa zehn, der andere kaum sieben Jahre alt, beide, jeder seinem Alter gemäß, sehr elegant herausgeputzt, beide gerade im Sattel sitzend und offenbar mit Leib und Seele dabei.
»Das sind unsere jungen Herren,« erzählt mit strahlendem Gesicht der Lakai; »wie aufmerksam die zusehen! Erst hatte nur der älteste ein Pferdchen, aber der kleinere gab keine Ruh, bis er sich auch eins ertrotzt hatte. Die gnädige Frau kann dem kleinen nichts abschlagen. Er sitzt übrigens besser als der ältere, 's wird mal ein schneidiger Offizier.«
Anna Marie hört nur mit halbem Ohr. Ihre Augen hängen an den Kindern.