Eine neue Musketensalve!
Ein Aufblitzen von kleinen Flämmchen die Reihe der Gewehrmündungen entlang, das gräßliche hagelartige Gepolter, dicke Streifen Rauch sich erst an der Erde entlang ziehend und in ihren dicken Nebel die platt auf dem Bauch ausgestreckten Soldaten einhüllend, dann sich in große Fetzen zerteilend, die ihrerseits in krause Löckchen zerflattern und langsam emporsteigend verschweben.
»Ich glaub, das war der Schluß,« sagt nach einem Weilchen der militärkundige Lakai.
»Sollen wir zufahren?« fragt der Kutscher. »Wenn wir jetzt nicht fahren, kommen wir mitten unter die Soldaten hinein.«
Anna Marie bittet ihn – sie bittet immer – zuzufahren.
Noch einmal blickt sie sich um. Das letzte, was ihr auf dem Manöverfeld in die Augen springt, ist der kleinere der beiden Jungen, der, mit seiner Reitgerte hoch zum Hieb ausholend, auf seinem ungeduldig die Mähne schüttelnden Shetland-Pony querfeldein einem höheren Offizier entgegensprengt, der ihn freundlich zu sich heranruft. Es läßt sich nicht leugnen, sie passen gut zusammen, der hübsche Junge und das mutige kleine Pferd.
* * *
Eine halbe Stunde später steht Anna Marie in der großen Halle Ulmenhofs, der Halle, die, quer durch den Mitteltrakt des Schlosses gehend, auf der einen Seite in das gegen die Straße zu gelegene schmale Vorgärtchen, auf der anderen in den endlosen Park mündet.
Anna Marie sieht sich um – sucht etwas. Ihr Auge gleitet über die seltenen Waffen und vielen alten Bilder, meist Familienporträts der Altenrieds, an der Wand hin, gleitet über einen sehr schönen, großen Kamin in roter Marmorverkleidung, der in die Mauer eingelassen ist und vor dem ein weißes Bärenfell liegt, über ein Klavier mit einer malerischen Decke aus altem Brokat, über allerhand schöne oder bequeme Möbel, schwere Tische und Stühle nach alten Renaissancemustern geschnitzt aus braungebeiztem Eichenholz, in freundlicher Gemeinschaft mit englischen Lehnstühlen aus Korbgeflecht und mit orientalischen Teppichen bedeckte niedrige Diwans. Überall erblickt Anna die Spuren einer geschmackvollen Hausfrau, die Hausfrau selber erblickt sie nicht. Ein Gefühl demütigender Enttäuschung und noch unklaren, aber um so drückenderen Mißbehagens bemächtigt sich ihrer. Daß Kitty es nicht über sich gebracht, quer durch das Manöver hindurch zu fahren, um sie auf der Bahn zu begrüßen, hat sie begriffen, daß aber Kitty nicht auf der Schwelle des Hauses steht, ungeduldig des Augenblicks harrend, wo sie sich ihr in die Arme stürzen kann, das begreift sie nicht. Die Thränen treten ihr in die Augen, sie nagt ungeduldig an ihrer Oberlippe, als eine Erscheinung, die ihr anfangs völlig fremd dünkt, eine schlanke, vornehme Erscheinung mit weich um sie hinfließendem blaßgrauem Morgenkleid die Treppe herunterkommt; ein kleines Mädchen mit schwarzen Strümpfen und einem gestickten weißen Schürzchen hüpft neben ihr her.
»Anna! Du liebe alte Anna!« Mit den Worten schließt die junge Frau Fräulein von Hohleisen in die Arme.