Ja, das ist Kitty, noch immer schön, schöner denn je, aber nicht zum Erkennen! Um einen halben Kopf gewachsen, das Gesicht länger und schmäler, die Augen größer, die Züge fester herausgemeißelt, das Haar dunkler. Und wie sie sich in den sie umgebenden Wohlstand hineingefunden hat! Nicht nur in ihrem Äußeren, sondern in ihrem ganzen Wesen ist etwas Fremdes, Unbefriedigendes; sie erwidert Annas Küsse zerstreut, befangen, wehrt sie fast von sich ab. »Das ist Käthe,« ruft sie, auf das kleine Mädchen zeigend, »meine kleine Nichte, mein Töchterchen auch, wie du's nimmst. Gieb doch der Tante einen Kuß, Käthchen, und dann spring hinunter zur Haushälterin, sag ihr, sie möge eine Tasse Bouillon zu Fräulein von Hohleisen hinaufschicken, sie weiß schon, welche Zimmer vorbereitet sind. Du nimmst doch eine Tasse Bouillon, Anna, vor dem Lunch. Das Lunch ist heute etwas später wegen des Manövers.«

»Ach, ich habe keinen Hunger,« erwidert Anna Marie gedrückt.

»L'appétit vient en mangeant,« versichert Kitty; dann dem geschäftig davonhüpfenden kleinen Mädchen nachsehend, murmelt sie: »Wie die läuft, sie ist selig, wenn ich ihr einen Auftrag gebe. Findest du sie nicht hübsch?«

»Sehr hübsch,« versichert Anna Marie, »sie sieht dir ähnlich ... so wie du warst.«

»Das sagt man mir allgemein,« ruft Kitty lebhaft aus, »alle drei sehen mir ähnlich. Hast du die beiden Jungen nicht bemerkt bei dem Manöver?«

»Ja, der Diener hat mich auf die jungen Herren aufmerksam gemacht.«

»Nicht wahr, sie sehen entzückend aus auf ihren Pferdchen, besonders der kleine? Ich freue mich schon so, dich näher mit ihm bekannt zu machen. Ach, was die drei Kinder hier vergnügt sind! 's ist, als ob sie in Ulmenhof geboren wären, so haben sie sich bereits hineingelebt! Sie waren schon recht matt und blaß, und jetzt ... drei frische Blumen, dafür kann ich nicht dankbar genug sein.«

Damit sind sie die Treppe hinaufgestiegen, sind einen langen Korridor entlang gegangen. Jetzt öffnet Kitty eine Thür und sagt: »Das ist dein Logis; ich hoffe, es gefällt dir, damit du lange bei uns bleibst.«

Wie hohl das alles klingt, wie eine auswendig gelernte Höflichkeitslektion, die man vor dem ersten besten hinplappert!

Die vorbereiteten Zimmer, ein Schlafzimmer und ein Salon, beide mit hellschattierter Crétonne tapeziert, sind so reizend und einladend als möglich, aber was liegt Anna Marie daran. Kaum ein Wort kann sie herausbringen als Erwiderung auf Kittys Phrasen – anders kann sie die Gemeinplätze der jungen Frau nicht bezeichnen.