Trotz ihrer großen Verstimmung verbeißt Anna Marie ein Lächeln.

Indessen hat sich die kleine Käthe an sie herangeschlichen. »Ach, ich weiß es besser als die Jungen,« flüstert sie ihr ins Ohr, »die Tante hat einmal einen Offizier lieb gehabt und der ist bei Sedan gefallen – du weißt, die große Schlacht, wo wir die Franzosen geschlagen haben – und seitdem kann sie keine Uniformen sehen, das hat mir unsere alte Veronika erzählt; aber sag nichts davon, es kränkt die Tante, wenn man davon spricht, und den Onkel – o, vor dem dürftest du's schon gar nicht erzählen, den macht's wütend. Ich hab ihn einmal gefragt, ob's wahr ist, und da hat er mir eine Ohrfeige gegeben.«


»Dreizeh bei Tisch!«

Es ist Frau von Manz, welche diese mit einem abergläubischen Schauder verbundene Bemerkung macht, dieselbe korpulente Rheinweinkönigin, welche bei Anna Maries erstem Besuch Ulmenhofs den Hausherrn vor den dort umgehen sollenden Spukgespenstern gewarnt hat.

»Dreizehn bei Tisch!« Damit tritt sie von ihrer unbefugten Inspektion der Lunchtafel in die Halle, wo die sämtlichen vom Manöver zurückgekehrten Gäste versammelt sind.

Man wartet auf das Erscheinen der Hauswirte und Annas, um sich in den Speisesaal zu begeben, wartet nicht ohne eine gewisse Ungeduld, denn man hat einen tüchtigen Hunger vom Manöver mitgebracht. Frau von Manz zählt heute wie vor zehn Jahren zu den Löwinnen von Frankfurt, obgleich sie bereits einen erwachsenen Sohn hat. Sie ist noch stärker als früher, was sie nicht verhindert, rüstig bis in die höchsten Sprossen der socialen Leiter hinaufzuklimmen. Das ihr zur Wohlthätigkeit im größten Maßstabe einen weiten Spielraum eröffnende Feldzugsjahr hat ihr in dieser Richtung gewaltigen Vorschub geleistet; der greise Heldenkaiser hat sie seitdem bereits zweimal besucht, und sie ist mit dem Luisenorden ausgezeichnet worden.

»Dreizehn bei Tisch – mir ist das sehr unangenehm, es ist das eine Rücksichtslosigkeit der Hauswirte!« wiederholt sie verdrießlich.

»Wer von uns ist zu viel?« ruft gutmütig Frau Stutzmann, die Schwägerin der Rheinweinkönigin, eine noch immer sehr hübsche Witwe von einigen vierzig Jahren; »ich eß mit den Kindern am Katzentisch.«

»Ach, das nützt nichts,« ereifert sich Frau von Manz, »wenn einmal die Tafel für dreizeh gedeckt war, giebt's a Unglück; 's ist ohnehin nicht geheuer in Ulmehof. Es spukt ja hier, daß alles wettert. Meine Jungfer ist heute im tiefste Negligé heruntergelaufe gekomme aus ihrem Stübche zu mir mitte in der Nacht, weil sie's rings um sich wie Gespenster hat rausche gehört. Noch ein Minutche länger, und der junge Herr von Altenried wär ihr erschiene, behauptete sie.«