Anna Marie horcht zerstreut. Müde, innerlich wund von den peinlichen Eindrücken des Tages, wartet sie schon seit längerem eine Gelegenheit ab, sich unbemerkt zurückzuziehen. Wenn sie sich nur von der alten Schwätzerin losmachen könnte, denkt sie. Vorläufig ist keine Aussicht dazu. Hilfeflehend blickt sie über die Anwesenden hin. In den klugen, jungen Augen des Herrn von Manz scheint einiges Verständnis aufzudämmern.

Indes fährt Fräulein von Mühlhausen fort: »Sie haben doch die Liebesgeschichte Kittys mit erlebt, so gut wie ich. Sie erinnern sich, wie sie sich nach Eröffnung des Feldzuges gebärdet hat, wie eine Verrückte – und jetzt ... Begreifen Sie Ihre Heirat! ... Einen Herrn Förster heiraten, wenn man die Braut Hans von Altenrieds gewesen ist! Wenn ich mir nur um solchen Preis den Wohlstand hätte erkaufen können, wär ich mein Lebtag lang lieber arm geblieben wie ein Bettelmönch!«

Der Atem Anna Maries wird kurz, das Blut pocht ihr in den Schläfen, indessen fährt die Mühlhausen, sich immer noch an ihrem Arm festklammernd, fort: »Ich habe in dieser Hinsicht freilich eine geradezu legendäre Beständigkeit aufzuweisen. Ich war eines der umworbensten Mädchen, die es je gegeben hat – verstehen Sie mich recht – ich war umworben, gegen meinen Willen; bis zu einem direkten Heiratsantrag hab ich's nie kommen lassen, dazu braucht man es nicht kommen zu lassen, wenn es einem nicht darum zu thun ist; jedes Mädchen kann es sich so einrichten, ihren Verehrern die letzte Demütigung zu ersparen. Dies ist meine Ansicht – ich habe die Macht, die ich ohne mein Hinzuthun über die Männer ausübte, nie mißbraucht – aber ich habe mich auch nie darüber gefreut. Ich habe mich ein einziges Mal für einen Mann interessiert – ein junger Offizier war's, mit dem ich sechs Stunden lang in einer Postkutsche gefahren bin. Ich habe nie ein Wort mit ihm gesprochen, ich habe ihn seither nicht wiedergesehen, aber ...«

Immer hilfeflehender richten sich Anna Maries Augen auf den verständnisvollen Herrn von Manz. Er entschließt sich endlich, der Nächstenliebe ein großes Opfer zu bringen. Auf die beiden Damen zutretend, sagt er zu Hildegard: »Gnädiges Fräulein, ich hätte eine Bitte an Sie. Möchten Sie nicht eine Partie Bezique mit mir spielen? – bitte, bitte!«

»Vielleicht wird Fräulein von Hohleisen ...« wehrt sich die Mühlhausen sehr geschmeichelt.

Herr von Manz und Anna Marie wechseln Blicke. »Nein, nein, nein,« entgegnet energisch der junge Mann, »mein Flehen richtet sich an Sie und nicht an Fräulein von Hohleisen. Bitte ...« Er faltet die Hände wie ein Kind, das um Bonbons bettelt.

Mit einem Seufzer entschließt sich Hildegard, Anna Marie freizugeben; dann, während sie am Arm ihres hübschen jungen Ritters dem Spieltisch zuschreitet, sieht sie über ihre Schulter weg nach Anna Marie mit einem Blick, der deutlicher als Worte spricht: »Da sehen Sie's! Noch immer!!!«


Anna Marie seufzte auf, als sie sich endlich zurückziehen durfte. Mit großer Genugthuung schloß sie die Thür ihres kleinen Salons hinter sich zu. Eine Centnerlast lag ihr auf der Brust. Sie öffnete ein Fenster, die Nachtluft drang herein. Über dunklen Baumkronen sah sie ein großes Stück dicht mit Sternen besäeten Himmels, sonst nichts. Das erste Herbstseufzen rauschte durch die Blätter, die Flamme der Kerze, welche sie auf einen Tisch gestellt hatte, flackerte hin und her.

Da, hastig und heimlich näherte sich ein Schritt der Thür. Die Thür öffnete sich, Kitty trat ein.