»Ich bin nur heraufgekommen, um mich zu überzeugen, ob du nicht etwas brauchst,« murmelte sie.

»Nein, danke,« erwiderte Anna ziemlich kühl, »es ist alles in schönster Ordnung. Ich bin einen derartigen Luxus gar nicht gewohnt.«

»Ich hab mich bemüht, es dir recht hübsch zu machen,« sagte Kitty, demütig das Köpfchen senkend, mit dünner, klangloser Stimme.

»Ich bin dir sehr dankbar dafür,« erwiderte Anna förmlich. Die Knie zitterten unter ihr, sie setzte sich nieder, um ihre Aufregung besser zu beherrschen. Kitty schlug die Augen zu ihr auf. Was für Augen! so voll tiefer Beschämung und grenzenloser Seelenpein. Eine Minute verging; Kitty griff geistesabwesend nach einem Buch, das auf dem Tische lag – sie ließ das Buch fallen. Plötzlich wendete sie sich zur Thür, drehte den Schlüssel um, dann mit der Hast eines Verdurstenden, der auf eine Quelle losstürzt, eilte sie auf Anna Marie zu, und neben ihr zusammenbrechend, barg sie den Kopf in ihrem Schoß. Ein Weilchen schluchzte sie stumm, während Anna Marie tief erschüttert ihr weiches Haar streichelte. Endlich hob sie das Haupt, und noch immer am Boden kauernd, die Wange gegen das Knie der Freundin gestützt, stieß sie hervor: »Ich hab dir vorgelogen, den ganzen Tag, ich kann nicht mehr! Sieh mich nicht so an – ich kann's nicht aushalten. Immerfort ist mir's dabei, als ob du mich fragtest, wie ich das im stande war. Ja wie ... mein Gott!« Kitty grub sich beide Hände in ihr Haar und schrie es ganz schrill in die Nachtstille hinaus: »Wegen der Kinder hab ich's gethan! Das mußt du doch erraten haben – wenigstens das! Ich dachte an nichts mehr als an die Kinder. Eins von ihnen wurde krank. Du weißt nicht, was das ist, einen so zarten, hilflosen Wicht wimmern und sich krümmen und vor deinen Augen hinschwinden sehen, und weißt auch nicht, wie einem so ein Kind ans Herz wächst, wenn man es aus einer Todkrankheit herausgepflegt hat! Als der kleine Hans wieder gesund war, hatte ich vergessen, daß ein anderer so geheißen – ich dachte an nichts mehr als an die Kinder, und was nicht mit ihnen zusammenhing, fühlte ich nicht! Und als gar die abscheuliche Frau ins Haus kam und ich merkte, daß ... ach, ich konnt's nicht aushalten, die Kinder so verkümmern zu sehen – an Leib und Seele verkümmern! Ich verkaufte mich meinem Mann, ja ich verkaufte mich für eine Summe, die er auf mich schreiben ließ, um die Zukunft der Kinder zu decken, und dafür, daß er mir erlaubte, die Kinder unter sein Dach zu nehmen!«

Kitty schwieg. Anna Maries Herz klopfte stark und schnell. Sie heftete die Augen auf den blauen Himmel über den rauschenden schwarzen Baumkronen, auf den blauen Himmel, aus dem Milliarden von goldenen Sternen herausglitzerten – dieselben Sterne, die damals heruntergestrahlt hatten auf das Leichenfeld von Sedan. Wie unwesentlich erschien eine kleine Menschenexistenz gegen diese leuchtende Unendlichkeit, und doch, welche Fülle von Schmerz hatte Platz in so einem armseligen, der Fäulnis geweihten Menschenherzen!

»Ich hatte ihn geheiratet aus Verzweiflung,« hub Kitty von neuem an; ihre Stimme klang matt und heiser, sie schleppte die Worte mühsam über ihre vom Fieber heißen Lippen. »Alles in mir war starr – davon, was ich auf mich genommen, hatte ich mir keine rechte Vorstellung gemacht, ich war zu stumpf, zu elend dazu, und – die Erinnerung war tot, ich glaubte es zum wenigsten ... ach!«

Mit einemmal richtete sich Kitty auf. Ihr Haar aus dem Gesicht streichend, stand sie vor Anna Marie, mit weit aufgerissenen Augen, totenbleich. »Aber jetzt lebt die Erinnerung in mir – kannst du dir das vorstellen? – das Grauen hat sie lebendig gemacht, das Grauen vor meinem Mann! Du hast keine Ahnung, was das für ein Grauen ist – und zu gleicher Zeit ...« Kitty stützte sich mit einer Hand auf die Platte des Tisches, neben dem sie stand, und schloß die Augen – »jetzt wandelt er neben mir Tag und Nacht, er, den ich vergessen hatte; ich höre seine Stimme, ich fühle seinen Kuß, und mitten aus dem Grauen, ja mitten aus dem Grauen heraus, kommt mir ein Durst nach Glück! Ich denke mir, wie das so gewesen wäre! ... Wenn ich wenigstens ruhig träumen dürfte, ich hielte alles aus; aber so ... nicht eine Minute in den vierundzwanzig Stunden von einem Sonnenaufgang zum anderen frei sein, nicht eine Stunde allein sein dürfen, wenn's meinem Mann nicht beliebt! Es giebt keine Gefangenschaft wie die! Was soll ich thun – was soll ich thun! Anna, hilf mir!«

Eine lange Pause folgte; draußen seufzte der Nachtwind in den Bäumen, und die Sterne über ihnen funkelten aus dem Himmel heraus.

Nach einigem Nachdenken sagte Anna: »Eine Trennung von deinem Manne müßte zu erreichen sein; wenn du dich vor dem Aufruhr, den die Sache veranlassen würde, nicht scheust, so laß alles liegen und stehen und komm zu mir. Ich will dich mit Freuden bei mir behalten und dich vor deiner Qual schützen, so gut ich kann.«

»Ach du Gute, du Liebe!« Mit einem jubelnden Ausruf stürzte Kitty auf Anna zu, die sich aufgerichtet hatte und die Arme nach ihr ausstreckte. Plötzlich blieb sie stehen, griff sich an die Stirn – »Aber die Kinder!« murmelte sie vor sich hin, ohne Anna anzuschauen.