»Ich hatte einen Kameraden fallen sehen neben mir, meinen besten Freund. Gott! ist mir's damals quer durchs Herz gegangen, daß ich mich nicht einmal neben ihm habe aufhalten können, um ihm beizustehen!« Er hält inne, blickt sich verlegen um, macht sich offenbar Vorwürfe darüber, bei dieser festlichen Gelegenheit seiner Umgebung mit einem traurigen Eindruck zur Last zu fallen.

»Nun?« fragt Kitty über die Blumen hinüber.

Der Oberstlieutenant berichtet weiter: »Es ließ mir keine Ruhe, noch an demselben Abend erkundigte ich mich nach ihm, suchte ihn. Ich kam in eine erbärmliche Hütte, die mit Verwundeten vollgepfropft war. Ersparen Sie mir die Beschreibung, ich werde krank, wenn ich der Stickluft gedenke. Zu achten lagen sie da nebeneinander auf dem Stroh; zwei Leichen mitten unter den anderen. Ich trachtete natürlich unseren tapferen Märtyrern, so gut ich's vermochte, beizustehen. In einer Ecke lag einer, welcher meine besondere Teilnahme erweckte. Ein schöner blonder Mensch war's, groß, schlank, und mit einem sehr vornehmen Gesicht, kaum in der Mitte der zwanzig. Er war gräßlich zugerichtet, der rechte Arm knapp an der Schulter abgerissen, der Körper zerschossen. Es gewährte mir Trost, zu sehen, daß er bereits im Hinüberziehen war. Zugleich merkte ich an der Art, wie er mit den Schultern arbeitete und den Kopf zu heben versuchte, daß ihn noch eine letzte Unruhe quälte. Dann riß er mit der Linken an sich herum, konnte aber nichts mehr fest anfassen. Ich beugte mich zu ihm und zog ein kleines Medaillon aus seiner Brust. Armer Narr! aufmachen konnte er's nicht mehr. Ich öffnete es für ihn und hielt's ihm unter die Augen. Ob er es noch deutlich hat sehen können, weiß ich nicht, aber den Blick hat er darauf geheftet. Dann hat er danach gegriffen, die Hand folgte nicht mehr, er tastete daneben. Endlich mühsam brachte er's bis an seine Lippen. Dann wendete er den Kopf von mir ab gegen die Wand, seufzte ein einziges Mal, aber so, wie ich's nie vergessen werde. Ein paar Minuten darauf war's mit ihm vorbei. Das Weiterleben war ihm unter den Umständen nicht zu wünschen. In die Heimat zurückkehren und seine Braut nicht einmal in die Arme schließen können, muß gräßlich sein!«

»War die Braut hübsch?« fragt Emma Becker neugierig.

»Entzückend!« versichert ihr der Oberstlieutenant mit Begeisterung. »Ich habe nie etwas Hübscheres gesehen. Ein Kindergesichtchen mit großen zärtlichen Augen, die Haare in langen Locken um die Schultern, mit einem breiten Band zurückgebunden, das oberhalb der Stirn in eine Schleife verknüpft war; allerliebst – und sehr jung, die Verlobung konnte auch nicht weit zurückdatieren, denn auf dem Medaillon waren die Worte eingraviert: Zur Erinnerung an den 5. Mai 1870.«

»Der fünfte Mai – komisch, das ist ja der Tag deiner Hauseinweihung, Förster,« bemerkt humoristisch und unbefangen Herr Wißmuth. »Erinnerst du dich nicht mehr an das erste Fest, das du uns in Ulmenhof gegeben hast?«

Aber Herr Förster thut nichts dergleichen, er erhebt sich und bringt einen Toast aus auf den Kaiser und die Armee.


Es werden sehr viele Toaste ausgebracht und sehr viele Champagnergläser geleert.

Immer schwüler wird der Duft der Blumen, die Gläser klingen hell durcheinander, hell und schrill.