Sobald die Tafel aufgehoben ist, sieht sich Anna Marie nach Kitty um. Wenn sie erwartet, etwas Vergrämtes, Blasses zu sehen, so irrt sie sich. Auf ihren Wangen sind die Röslein erblüht, und in ihren sonst so starren, dunklen Augen schimmert ein zärtlicher Glanz.

»Kitty!« flüstert Anna Marie, indem sie den Arm um sie legt. Recht zu finden, was Kitty gethan hat, dazu vermag sie sich auch heute nicht zu bringen, aber böse sein kann sie ihr nicht mehr. Kitty schmiegt sich an sie wie in der alten Zeit. »Meine Anna!« murmelt sie und drückt die Hand der Freundin an ihre Lippen.

»Sie wollen tanzen, ich soll ihnen aufspielen dazu,« flüstert Anna Marie, »ist dir's nicht unangenehm?«

»Ach nein, spiel nur, die alten Walzer spiel, ich höre sie noch manchmal im Traum!« murmelt Kitty. »Spiel nur!« Dann küßt sie Anna Marie und flüstert: »Sei mir nicht bös!« und Anna Marie drückt sie an sich.

Jetzt tanzen sie alle zu schmachtend leichtsinnigen Walzern von Strauß, die Anna Marie ihnen spielt, unermüdlich mit dem verteufelten Rhythmus, der jedem richtigen Österreicher im Blute steckt. Kitty tanzt nicht, ihr Herzleiden enthebt sie dieser Verpflichtung.

Etwas vereinsamt sitzt sie in einem Winkel der großen Halle und hört zu. Es sind dieselben Walzer, die Anna Marie vor zehn Jahren gespielt hat, in dieser selben Halle, sie kann keine neuen, die »Geschichten aus dem Wiener Wald« sind's und die »Dorfschwalben«, und andere altmodische Tanzweisen, bei denen sich eine selige Schwermut mitten in den wirbelnden Reigen der leichtsinnigen Walzermelodie mischt.

So sieht sie Anna Marie sitzen, wenn sie von ihrer gutmütigen und geräuschvollen Beschäftigung aufblickt. Sie fragt sich, was in ihr vorgeht.

Nach einer Weile steht Kitty auf und blickt hinaus. Am Himmel flimmert Stern an Stern über den schwarzen Bäumen, aus dem Boden dringt ein süßer, weicher Hauch, 's ist wie ein Frühlingshauch mit Veilchenduft geschwängert – der Atem der langsam hereinbrechenden Verwesung ist's. Kitty wird sich nicht klar darüber, der süße Hauch mischt sich in ihre Träume und ihre Träume tragen sie in den Frühling zurück. Wie das alles aus ihrer Seele auftaucht, jedes Wort, jeder Blick, jeder Kuß! Und heute ist es zehn Jahre her, daß er zum letztenmal an sie gedacht hat! Durch ihre Adern schleicht sich eine Sehnsucht nach dem Frühling ihres Lebens, nach ihm, nach dem, was hätte sein können. Immer neue Bilder tauchen in ihr auf voll lockender Schönheit, ein wahnsinniges Verlangen rüttelt an ihrem Herzen. Ach, ihn noch einmal sehen, noch einmal in den Armen halten und dann sterben! Sie denkt an den thörichten Gespensterglauben, der mit Ulmenhof zusammenhängt. Es zittert ihr in allen Fibern. Wenn es möglich wäre!

Tiefer, immer tiefer geht sie in den Park hinein, der schwermütige Leichtsinn der Tanzmusik klingt schwächer in das Rauschen der großartigen, kantig verstutzten Lindenkronen.