Abb. 101. Blick auf Bielefeld. Nach einer Photographie von H. Baumann in Bielefeld. (Zu Seite [28] u. [114].)
Vorüber sind die Zeiten, wo die sogenannten Bremer »Böcke« von 15 bis 20 Pferden mittels eines am Maste befestigten Seiles unter endlosem »Hüh!« und »Hoh!« der Treiber stromauf geschleppt wurden und den kleineren »Hinterhang« nebst den noch kleineren »Bullen« hinter sich herzogen. Drei auf diese Weise vereinigte Schiffe hießen »eine Mast«. Stromabwärts ließen die Schiffer ihre Fahrzeuge treiben und machten durch einen lauten harmonischen Dreiklang die Fährleute von weitem auf ihr Kommen aufmerksam, damit das Drahtseil rechtzeitig in den Strom hinabgelassen werden konnte. Hat Schreiber dieser Zeilen jene Art des Verkehrs noch in seinen Knabenjahren mitangesehen, so wird es ihm und wohl auch dem Leser schwer, sich in jene Zeit zu versetzen, wo selbst der Treidelzug mit Pferden eine Neuerung war, die stellenweise mit alten Verboten zu kämpfen hatte. Im Jahre 1815 bestand ein solches allerdings nur noch auf der lippischen Strecke, wo selbst damals nur mit Menschen getreidelt werden durfte.
Abb. 102. Burg Sparenberg (Bielefeld) vom Johannisberg aus gesehen.
Nach einer Photographie von Ernst Lohöfener in Bielefeld. (Zu Seite [114].)
Kehren wir nach dieser Abschweifung noch einmal zur Stadt Hameln zurück! Was ihren baulichen Charakter anlangt, so reichen sich hier Mittelalter und Neuzeit die Hand. Da bewundern wir das ehrwürdige Bonifatius-Münster, dessen Ursprung vielleicht noch auf die Karolingerzeit zurückgeht, dessen älteste erhaltene Teile der Spätblüte des romanischen Stiles und dessen Umbauten der gotischen Zeit angehören. Da erfreuen wir uns an den Renaissance-Schöpfungen jenes unbekannten Meisters, der in dem Hochzeitshause einen Bau für allgemeine städtische Zwecke, in dem sogenannten Rattenfängerhause ein behagliches Patrizierheim und in den benachbarten Schlössern Schwöbber und Hämelschenburg Edelsitze nach dem neuen Geschmack von 1600 herzustellen wußte ([Abb. 71] u. [72]). Umgeben ist die Stadt von einem Kranz zierlicher Landhäuser. Und wahrlich man kann es verstehen, wenn wirtschaftlich unabhängige Menschen sich diesen Wohnplatz aussuchen. Lockt der Ort doch auch Jahr für Jahr einen immer stärker werdenden Schwarm von Touristen herbei, die hier teils die Dampfschiffahrt in die Oberwesergegenden antreten, teils zu Fuß oder im Motorboot die beliebten Punkte der Umgegend aufsuchen. Zu diesen gehört außer dem Seite [84] erwähnten Ohrberg der Klüt, ein unmittelbar über der Stadt am linken Weserufer ziemlich schroff aufsteigender Berg, im achtzehnten Jahrhundert von dem Fort George, jetzt von einem steinernen Turme bekrönt. Unvergleichlich ist der Blick von dort oben auf die schmucke Stadt, das fruchtbare Tal und die gegenüberliegenden Bergketten.
Von Hameln nach Minden fehlt es an einem regelmäßigen Personendampferverkehr. Nur Sonntags im Sommer fährt ein Schiff stromabwärts. Das Tal ist bis Erder zu breit, der Wasserspiegel zu tief, um immer eine freie Umschau zu ermöglichen. So benutzen wir denn lieber die Bahn Hameln-Löhne, die das fruchtbare, von schön profilierten Bergen umrahmte Tal durchzieht ([Abb. 80]). Hier hat Fischbeck von seinem alten Augustinerinnenkloster, das jetzt als adliges Fräuleinstift weiter besteht, noch eine flachgedeckte romanische Basilika von hervorragender Schönheit. Es folgen Hessisch-Oldendorf (1900 Einwohner) und Rinteln (5300 Einwohner), zwei Städte, deren hübsche alte Fachwerkshäuschen großenteils noch nicht von der entstellenden Tünche befreit sind, mit denen Ungeschmack und Großmannssucht sie im vorigen Jahrhundert bekleidet hat[6].
[6] Wie in den vierziger Jahren selbst die Gebildeten jedes Verständnis für die behaglichen alten Bauformen verloren hatten und nur für lange, weiße Mauern schwärmten, dafür enthält das in der Einleitung erwähnte Buch von Boclo zwei charakteristische Stellen. An Hameln weiß der »Begleiter auf dem Weserdampfschiff« nur das Gefängnis(!) zu rühmen. Er bittet, »nicht zu übersehen, wie großartig-modern Hameln sich ausnimmt, in dem Moment, wo man es zuerst erblickt. Die großen neuen massiven Korrektionsgebäude maskieren nämlich die ganze übrige, ältliche nicht eben schöne (!) Stadt ... und lassen vermuten, Hameln wäre nach diesem modernen Stile eben gebaut worden.« Von Rinteln heißt es: »Die Straßen Rintelns würden viel länger, die Stadt viel schöner sein, wenn nicht bei weitem die meisten Häuser mit der Giebelseite nach der Straße gerichtet wären. Der Grund mag darin liegen, daß Rinteln ... früher eine Ackerstadt war. Man sieht dies noch daraus, daß viele Häuser statt der Türme hohe Tore haben.«
Abb. 103. Haus in der Oberntorstraße in Bielefeld.
Nach einer Photographie von Ernst Lohöfener in Bielefeld. (Zu Seite [114].)