§. Abb. 114. Die Kreuzabnahme, Hochrelief an den Externsteinen. (Zu Seite [118].)
Ohne auf die geologische Erklärung des Gebirges (s. Seite [12] ff.) zurückzugreifen, möchte ich nur daran erinnern, daß wir es mit mehreren — zwei oder auch stellenweise drei — parallelen Ketten zu tun haben. Dazwischen ziehen sich schmale Längstäler hin. Aber auch an Quertälern fehlt es nicht, die in der Regel bis auf den Grund des Gebirges hinabgehen. Zu ihnen gehört die Brochterbecker Schlucht, durch welche die Eisenbahn Ibbenbüren-Gütersloh hindurchgeht, ferner die Pässe von Iburg, Borgholzhausen und Bielefeld, die Dörenschlucht und mehrere kleinere Einschnitte.
Sehen wir von den inselartig aus der Diluvialdecke des Flachlandes links der Ems auftauchenden Hügeln ab, so haben wir das nordwestliche Ende des Osnings bei Bevergern am Dortmund-Ems-Kanal zu suchen.
Die Reise über diesen Bergzug aber werden wir am zweckmäßigsten in Ibbenbüren beginnen. Der Ort (5500 Einwohner), die Hauptstadt der ehemaligen Grafschaft Ober-Lingen, liegt nicht unmittelbar am Osning, sondern am Fuße des nördlich vorgelagerten Schafberg-Plateaus, das uns insofern interessiert, als es neben dem Hüggel und dem Piesberg bei Osnabrück allein in unserem Gebiete die paläozoischen Formationen, und zwar das obere Karbon, vertritt. Es liegen dort sieben abbauwürdige Flöze, die von etwa 800 Bergleuten meist für Rechnung des Staates ausgebeutet werden.
Osning-Wanderung.
Eine Kammwanderung von Ibbenbüren zunächst bis Bielefeld erfordert drei bis vier Tage. Ihre Reize bestehen hauptsächlich darin, daß von den geologisch verschiedenen Parallelketten bald die eine, bald die andere die Führung übernimmt. Folgen wir stets der höchsten, so genießen wir immer wieder wechselnde Landschafts- und Vegetationsbilder. Anfangs schreiten wir auf der Sandsteinkette dahin. Sie hat hier trotz ihrer geringen Höhe etwas Ernstes, Starres. Ihre Flora ist noch ganz die der benachbarten Heide; Birke und Kiefer bilden den spärlichen Wald, Hülse und Wacholder ein niederes Buschwerk, und Heidekraut und Preißelbeere bedecken den Boden. Nur vereinzelt ragen nackte Felsen aus dem sonst abgerundeten Rücken hervor und bringen es uns zum Bewußtsein, daß wir nicht mehr auf Dünen oder auf den Geschieben der Eiszeit dahinschreiten. Unter jenen Steingebilden sind die Dörenther Klippen wegen ihrer grotesken Formen berühmt. Ungehindert aber schweift der Blick über die flacheren Landstriche im Norden und Süden und besonders hier weit hinein in die Münstersche Tieflandsbucht. Von Tecklenburg ab werden wir dagegen auf den buchenbedeckten Plänerhöhen wandern, die uns nur hie und da einen Ausblick aus dem Waldesschatten erlauben, dafür aber auch zuweilen einen recht lohnenden, wie der Große Freden (210 m) bei Iburg. Hier umfaßt das Auge einen weiten Horizont waldiger Höhen. Es sind außer der parallelen Sandsteinkette noch einige besondere Gruppen, die im Norden vorgelagert sind. Unter ihnen überragt der viel besuchte, wuchtige Dörenberg (331 m), zwischen Iburg und Georgsmarienhütte gelegen, den Osningzug selbst um ein beträchtliches. Nach einer längeren Wanderung durch einförmiges Stangengehölz, das bei Borgholzhausen endigt, haben wir zwischen dem Ravensberg und Halle die Wahl, ob wir auf der Südkette im Buchenwalde oder auf der Nordkette über kahle Sandsteinhöhen dahinschreiten wollen. Von Halle ab bilden die letzteren unbestritten den Hauptkamm. Äußerst lohnend ist ein Spaziergang über diesen an sich öden Rücken bei kühlem Herbstwetter, wenn der scharfe Südwestwind uns am Lodenmantel zaust, und wenn zwischen den jagenden Wolken immer neue Landschaftsbilder mit stets wechselnden Beleuchtungen in den beiden so grundverschiedenen Landschaften, dem fruchtbaren Ravensberger Hügellande und der sandigen Münsterbucht, vor unseren Blicken auftauchen. Freilich den würdigen Abschluß erhalten diese Genüsse erst, wenn wir vom Dreikaiserturm, den man in die alte Hünenburg (s. Seite [57]) eingebaut hat, oder vom Schützenhaus auf dem Johannisberge auf das freundliche Bielefeld zu unseren Füßen hinabschauen.
Abb. 115. Lemgo. Nach einer Photographie von Clemens Bolzau in Lemgo. (Zu Seite [121].)
Vergessen wir aber nicht, unterwegs den interessanten menschlichen Siedelungen gebührende Beachtung zu schenken. Da sind zunächst die drei stolzen Hochburgen zu nennen, die der Sage nach einst ein mächtiger Sachsenfürst aus Wittekinds Geblüte für seine Töchter Thekla, Ida und Ravenna erbaut hat. Tecklenburg, Iburg, Ravensberg. Von der Feste Tecklenburg, deren fehdelustige Insassen über einen ausgedehnten Länderbesitz verfügten, stehen nur noch die Ringmauern. Im Jahre 1701 starben die Grafen aus, und ihr Schloß gab man dem Verfalle preis. Wohl aber liegt das malerische Städtchen (1000 Einwohner), das einst im Schutze der Burg entstand, noch heute auf seiner luftigen Höhe (200 m) und lockt durch die Reize seiner Lage zahlreiche Ausflügler herbei ([Abb. 94]).