Da wir in den letzten beiden Abschnitten den zusammenhängenden Bergzügen gefolgt sind, haben wir ein interessantes Gebiet bisher fast umgangen. Es ist das Hügelland zwischen Teutoburger Wald und Weser, das sich von der Talfurche Bielefeld-Porta im Nordwesten bis zum Diemeltale im Südosten hinzieht und durch die Emmer und die Nethe in das Lippische Hügelland, das Höxtersche Höhenland und die Warburger Börde geteilt wird. Wir haben es hier mit einem äußerst mannigfaltig gegliederten Gelände zu tun, dessen Oberfläche hauptsächlich von den verschiedenen Gesteinen des Keupers ([Abb. 3]), im Süden und Osten auch von Muschelkalk gebildet wird, wogegen Buntsandstein nur an der Umrandung des Pyrmonter und des Driburger Kessels zu finden ist. Im Süden zeigen sich auch einzelne basaltische Durchbrüche. Einige Teile dieses Gebietes sind nur als flachwellig zu bezeichnen, wie z. B. die Gegend an der unteren Werre und Bega, das Dreieck zwischen Bielefeld, Herford und Lage, sowie die Börde im Süden. Stattlichere Höhengruppen weist der Norden Lippes zwischen Bega und Weser auf, wie den Bornstapel, die Lemgoer Mark, die Sternberger Höhen, den Hohen Asch und den Taubenberg, deren zwischen 300 und 400 m hohe Gipfel wegen ihrer Fernsichten geschätzt sind. Einen tiefen Talkessel mit schroffen, über 300 m hohen Rändern bietet das Emmertal bei Pyrmont und Lügde, ein vermoortes Hochplateau der Schwalenberger Wald (446 m), den man auch als das Mörth bezeichnet, eine einsame kegelförmige Hochwarte der Köterberg (497 m), endlich steilrandige Muschelkalkhöhen das Gelände längs der Weser und der Nethe. An sogenannten landschaftlichen Sehenswürdigkeiten ist dieses Gebiet verhältnismäßig arm, und da es auch in bezug auf die Bewaldung den anderen Teilen unseres Gebietes nachsteht, locken nur wenige Punkte einen größeren Touristenschwarm herbei. Das aber, was man als intimere Reize einer Landschaft bezeichnet, wird der Wanderer, wenn er sich Zeit läßt, in lauschigen Tälern, malerischen Dörfern und Gehöften, interessanten Hausformen und Volkstypen in reichem Maße finden ([Abb. 26] bis [29], [78] u. [122]). Mit Recht singt daher der lippische Poet Stockmeyer:
Voll Gottes Segen und voll Fleißes Frucht
Ist unser Land, ein Land voll Lieblichkeiten,
Wo Berg und Auen um den Vorrang streiten.
Ja, welcher Wandrer hätte es besucht
Und dächte nicht der freundlichen Gefilde
In diesem frohen, lebenswarmen Bilde,
Das Anmut, Reiz und Schönheit uns bereiten!
Abb. 120. Schwalenberg.
Verlag der Hinrichs'schen Hofbuchhandlung (H. Knöner) in Detmold. (Zu Seite [122].)
Lemgo.
Ihren Anfang mag unsere Reise von Salzuflen (5800 Einwohner) nehmen, dem altertümlichen Salinenstädtchen mit dem kleinen Solbade und der weltberühmten Hoffmannschen Stärkefabrik, die an Größe auf dem europäischen Festlande ihresgleichen nicht hat. Über Lage (5500 Einwohner), wo sich die beiden Bahnen des Lipperlandes, Bielefeld-Hameln und Herford-Altenbeken, kreuzen, geht es nach Lemgo (9000 Einwohner), dem man mit freundlicher Übertreibung den Namen des lippischen Nürnberg gegeben hat ([Abb. 115] bis [117]). Tatsächlich ist es die älteste und vormals bedeutendste Stadt des Fürstentums. Welche Rolle es in Altwestfalen spielte, ersehen wir aus dem Umstande, daß es zur Taxe der Hansa mit weit höheren Beiträgen als Hameln und Bielefeld herangezogen wurde. Von dem ehemaligen Wohlstande zeugen eine Menge älterer Bürgerhäuser, deren spitze, straßenwärts gerichtete Giebel noch das Formprinzip der Gotik verraten, während die in Holz oder Stein geschnittenen Ornamente bereits dem Geschmack der Renaissance huldigen. Die gleiche Stilmischung beobachten wir an dem neben den beiden Hauptkirchen bedeutendsten Bauwerke Lemgos, dem herrlichen Rathause, während das nahe Schloß Brake ein reiner Renaissancebau ist.
§. Abb. 121. Das Rathaus in Schwalenberg. (Zu Seite [122].)
Pyrmont.
Der Vollständigkeit halber erwähnen wir noch die Städtchen Barntrup (1700 Einwohner) und Blomberg (3600 Einwohner) mit ihren alten Schlössern und wenden uns zu dem Bade Pyrmont (3900 Einwohner), das den Hauptort einer waldeckischen Exklave, einer ehemals selbständigen Grafschaft, bildet ([Abb. 118]). Die kohlensauren Stahl- und Solquellen scheinen von alters her bekannt gewesen zu sein. Doch beginnt der eigentliche Aufschwung erst mit dem sechzehnten Jahrhundert. Die heilkräftigen Wasser und die liebliche Umgebung des Talkessels, dessen Wände überall bis zu 200 m relativer Höhe emporsteigen, lockte besonders die vornehme Welt, während das nicht allzuferne Bad Meinberg immer einen etwas bescheideneren Besucherkreis hatte. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert strömten Fürstlichkeiten und Adlige, aber auch Künstler und Gelehrte aus ganz Europa in Pyrmont zusammen. Merkwürdig mutet es uns an, daß in diesem Bade, das jetzt in erster Linie bleichsüchtige Damen aufsuchen, Männer wie der Große Kurfürst, Peter der Große, Friedrich der Große und Blücher den Eisengehalt ihres Blutes glaubten verstärken zu sollen.