Lügde.

Das Emmertal ist uralter Kulturboden. Lügde (2700 Einwohner), das noch jetzt ein ausgezeichnetes romanisches Kirchlein ([Abb. 119]) besitzt, ist eine alte karolingische »villa«, Schieder, unterhalb der altsächsischen Skidroburg gelegen, der zugehörige Reichshof, in dem Karl der Große vermutlich im Jahre 784 das Weihnachtsfest gefeiert hat.

Schwalenberg.

Bis in die Karolingerzeit reicht auch die Geschichte Schwalenbergs oder wenigstens seines Grafengeschlechtes zurück. Das Gebiet dieses Herrscherhauses war im Mittelalter weit ausgedehnt; es reichte von der Diemel bis zum Deister; die Herrschaften Waldeck, Pyrmont und Sternberg sind nur spätere Abzweigungen seines Besitzes, die Klöster Marienmünster und Falkenhagen, deren edle Baulichkeiten uns noch heute erfreuen, seine Gründungen. Wie das zuletzt genannte Stift und das Schloß Sternberg, das auf waldiger Höhe unweit Lemgos das Begatal überragt, wurde auch die Burg und die Stadt Schwalenberg ([Abb. 120]) von dem Grafen Volkwin III. erbaut, der seinen Wohnsitz von der früheren Burg Schwalenberg, später Oldenburg genannt, dorthin verlegte. Von dem damaligen Schloßbau steht nur noch ein schmuckloser Flügel auf einem Bergkegel am Fuße des Mörths; um diesen Hügel aber schmiegt sich noch jetzt das Städtchen (800 Einwohner), dessen geschmackvoll ausgebautes Rathaus von 1579, 1603 und 1909 eine Perle deutscher Holzarchitektur ist ([Abb. 121]).

Die Ziegler.

Obgleich wir nunmehr an der Ostgrenze des Lipperlandes angelangt sind, können wir es nicht verlassen, ohne eines für das ganze Fürstentum höchst charakteristischen Gewerbes, der Ziegelei, zu gedenken. Dieser Arbeitszweig ist, wie es scheint, nicht sehr alt, hat sich vielmehr wohl erst nach dem Dreißigjährigen Kriege ausgebildet. Ungenügender Verdienst in der Heimat veranlaßte damals viele Männer, als Grasmäher und Torfstecher nach Holland und Friesland zu gehen. Im Jahre 1682 wird aber neben dieser Auslandsarbeit auch das Ziegelstreichen erwähnt. Auf die beweglichen Klagen der »gehorsamen Stände und Ritterschaft« wegen der Leutenot in der Landwirtschaft erließ der Landesherr eine Verordnung, in der es heißt: »wobei wir auch denenjenigen, welche sich bishero zu gewisser Zeit des Auslaufens in fremde Länder angemaßet, daselbst Ziegelarbeit sich zu bedienen, solche ihre bisherige Gewohnheit, und zwar einem jeden bei Strafe 50 Goldfl. alles Ernstes verbieten.« Aber Verbote und Plackereien halfen nicht viel. Die Zahl der Ziegler wuchs, und zwar besonders 1842 nach dem Brande Hamburgs, 1846 nach der mehrfach erwähnten Leinenkrisis, die dem Gewerbe viele ehemalige Weber zuführte, und 1871 nach dem Kriege. Jetzt dürfte ihre Zahl etwa 15000 betragen, d. h. über 10% der gesamten Bevölkerung.

§. Abb. 122. Lippischer Hirtenjunge. (Zu Seite [122].)

Die Ziegelmacherei ist Saisonarbeit. Sobald die ersten Lenzwinde wehen, verlassen die sangesfrohen Scharen das Heimatland, kaum der Schule entwachsene Knaben, rüstige Männer und bärtige Greise, um in allen deutschen Gauen, ja selbst in Holland, Dänemark, Polen und Ungarn ihrem Verdienst nachzugehen. Während der Arbeitsmonate lebt der Ziegler äußerst einfach und mäßig. Erbsen und immer wieder Erbsen sind seine tägliche Kost und dazu Wurst, Speck und Schinken aus dem heimischen Vorrat. Denn das verdiente Bargeld muß der Gattin oder den alten Eltern heimgebracht werden, die inzwischen mit Hilfe der Kinder mühselig den Garten und das Stückchen Acker bestellt, für das Vieh, vor allem für die zahlreichen Ziegen gesorgt und Haus und Hof in Ordnung gehalten haben (Abb. 27 u. 122). Wehe dem, der sich zu unnützen Ausgaben hat verleiten lassen und die erwarteten hundert Taler nicht abgeben kann! Verachtung ist sein Lohn. Wie aber den wackeren Zieglern zumute ist, wie schwer ihnen der Abschied von der schönen Heimat fällt, wie sie sich auf die wohlverdiente Ruhe des Winters freuen, das erfahren wir am besten aus den »Zieglerliedern«, den Gedichten, die Heinrich Wienke in Brakelsiek bei Schieder, ein echter Ziegler und ein echter Poet, nunmehr schon in vierter Auflage seinen Kameraden gewidmet hat ([Abb. 123]). Da heißt es z. B. in dem »Abschiedstrost«:

Reich' mir, lieb Weib, den Wanderstab,
Er steht in jener Ecke,
Und wenn ihn deine Hand mir gab,
So reis' ich frisch und fröhlich ab,
Du weißt, zu welchem Zwecke.