1. Ein sittliches Handeln aus Ewigkeitsrücksichten soll zu wenig edel sein, zu lohnsüchtig, zu egoistisch. Prüfen wir. –
Das Handeln aus Furcht vor Gott und seinen ewigen Strafen scheint zunächst keine wahre Sittlichkeit bewirken zu können. Aber ist denn ein Handeln aus Furcht wirklich menschenunwürdig und unedel? Wenn im Theater plötzlich ein Brand ausbricht und alles, aus Furcht umzukommen, flüchtet, wenn ein kalter Ost weht und man aus Furcht vor Erkältung sich einhüllt, wenn das Kind sich dem Ufer des Stromes naht und nun aus Furcht von der warnenden Mutter zurückgerufen wird, will man da behaupten, daß diese Handlungen alle unsittlich seien? Wenn sie unsittlich sind, dann müßten sie und derartige Taten überhaupt alle verboten werden; denn Unsittliches darf die Menschheit nicht dulden. Das wird niemand aber fordern können; denn diese Handlungen gehen aus einem durchaus einwandfreien Motiv hervor, dem Motiv der Selbsterhaltung. Selbsterhaltung ist aber einer der grundlegendsten moralischen Pflichten.
Wenn es aber gut und notwendig ist, sich schon vor zeitlichem Übel zu schützen, dann ist es gewiß sittlich gut und notwendig, sich vor einer Qual zu bewahren, die ewig dauert und vor einem Verlust, den alle irdischen Dinge nicht aufwiegen können. Sagt doch auch Christus: »Fürchtet nicht diejenigen, welche den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, fürchtet vielmehr denjenigen, der Leib und Seele ins höllische Verderben stürzen kann.« Wir fürchten ja nicht nur knechtisch die Strafe, sondern das Böse, die Sünde selbst, allerdings wegen der Strafe, wir fürchten den Zorn Gottes, »die Furcht Gottes aber ist der Anfang der Weisheit«, also durchaus gut. Darum sagt auch die Schrift: »Fürchte Gott und halte seine Gebote, das ist der ganze Mensch«.
Wenn ferner die Hoffnung auf den Lohn im Himmel uns antreiben soll, das Gesetz zu beobachten, dann kann hierin auch durchaus nichts Tadelnswertes gefunden werden. Der Mensch ist ja seiner Natur nach zur Erlangung des vollkommenen Glückes vorherbestimmt, ebenso wie das Auge zum Sehen, das Ohr zum Hören. Die Anlagen naturgemäß entfalten kann doch nicht unsittlich sein. Wenn die katholische Askese Ehelosigkeit, freiwillige Armut rät, dann erhebt man gegen sie den Vorwurf, daß sie unsittlich handle, indem sie der Natur ihre Rechte verweigere, und hier, wo die katholische Moral dem natürlichen Grundtrieb nach vollem Glück gerecht werden will, da ist sie »unsittlich« oder nicht erhaben genug!
Hoffnung ist eine der Haupttriebkräfte des menschlichen Lebens. Hoffnung auf Sieg verleiht dem Soldaten Ausdauer, Hoffnung auf Entdeckung ferner Länder treibt den Nordpolfahrer in eisige Regionen, Hoffnung auf Gewinn beseelt den geschäftlichen Unternehmer sowohl wie den Landmann und niemanden fällt es ein, all das als unrecht zu brandmarken – er würde ja sonst dem ganzen menschlichen Leben seine Schwungkraft rauben – warum soll es nun plötzlich unerlaubt sein, aus Hoffnung auf ein ewiges, alles Irdische weit überragendes Glück zu handeln?
Zudem weiß doch jeder Christ, daß das Himmelsglück im Wesentlichen im Besitze Gottes besteht. Nach Gott verlangen wir, und um Gott zu erlangen, arbeiten wir! Gott ist aber ein viel edleres Motiv, als alle Tugend um ihrer selbst willen erstrebt. Unser Motiv ist um Himmelshöhe erhaben über alles, was die Neuethik uns in Aussicht stellen kann.
Handelt ferner christliche Moral nur aus Furcht und Hoffnung oder empfiehlt sie nicht das: »Du sollst den Herrn Deinen Gott lieben aus Deiner ganzen Seele, aus Deinem ganzen Gemüte« als das erste und größte Gebot? Und blieb die Mahnung erfolglos? Wo finde ich denn so viele Seelen, die ohne eigenen Nutzen, rein aus Liebe zu Gott, wohltätige Stiftungen machten, ihr Vermögen den Armen schenkten, sich ganz dem Herrn weihten? »Er hat mich geliebt und sich dahingegeben«. Dieser Gedanke erfaßte einen Paulus bis ins Innerste, und es hielt ihn nicht, bis er alles geopfert und alles für Christus gewonnen. Und diesen Hochgesang christlichen Tugendstrebens nehmen die nachfolgenden Geschlechter auf; ihn sangen die Chöre Gottgeweihter in ihrer einsamen Wüste; ihn die Heldenschar der Märtyrer in der Arena; er ward zum Leitmotiv all' der Millionen von Heiligen und Bekennern der Kirche.
Nichts Kleines ist also das Motiv des christlichen Tugendstrebens, sondern Gott; Gott, der zürnende, schreckt vom Bösen ab; Gott, der beglückende, lockt zum Gebotenen an; Gott, der liebende, zieht die Seele mit Gewalt, alle irdischen Bande abzustreifen, Schwingen zu nehmen gleich dem Adler und ihm, dem Höchsten, zuzueilen. Ein Beweggrund, wie er erhabener gar nicht gedacht werden kann!
2. Aber ist das Ewigkeitsstreben auch genügend begründet? Man spricht vom Drohen und Locken mit einem »erträumten Jenseits«.
Die Antwort hierauf ist bereits erfolgt: im ersten Heft dieser Serie von Vorträgen wurde erwiesen, daß es einen überweltlichen, persönlichen Gott gibt, im vierten, daß die Menschheit nach dem Tode weiterleben muß. Damit ist Lohn und Strafe im Jenseits gegeben.