Und materielles Wohlergehen soll ein Antrieb zur Beobachtung des Sittengesetzes sein? Aber liegen diese beiden denn nicht oft genug mit einander im Streit? Wenn materielles Wohlergehen eine genügende Sanktion der Ethik wäre, dann müßten Börsenbarone und Erpresser ja zugleich die größten Heiligen sein.
Wer weiß nicht, daß trotz aller Kenntnisse, Erfolge und Bildung der Mensch im Ansturm der Leidenschaften einer festeren Sicherung bedarf? Erhöhte Kenntnisse ohne erhöhte innere Festigkeit sind, um einen Ausdruck Försters zu gebrauchen, eine besser gearbeitete Laterne in der Hand des Diebes. Und daß nicht erhöhte »Kultur« eine erhöhte Sittlichkeit bedingt, besagt die Geschichte der alten wie heutigen Völker zur Genüge. (Vergleiche den Vortrag II). Die heutige Bildung sanktioniert die ethischen Gesetze nicht, sondern bildet sie nach Belieben um. Die Moral ist ja nach Paul Heyse nichts weiter als die Quintessenz dessen, was in einem Zeitalter für anständig gehalten wird. Heldennaturen springen über die Schranken hinweg. (Briefe an Frau Tout le Monde 111.)
Unsere Zeit besitzt ja Kulturgüter, Mammon, Kunst, Bildung, Ehrengerichte in Menge – ist sie darum moralisch hochstehend? Was sagen die 180 000 Kinder, die in Deutschland allein jährlich, mit dem Brandmal der Sünde bezeichnet, das Dasein betreten? Was die in die Hunderttausende, vielleicht 1½ Millionen zählenden Dienerinnen der Unzucht, was die jährlich in Deutschland verurteilten 55 000 jugendlichen Verbrecher, was die 196 000 Geschlechtskranken, die im Jahre 1900 in den öffentlichen Krankenhäusern Deutschlands gepflegt wurden, von den 30–40% geschlechtskranken Soldaten und 33–69% Studenten gar nicht zu reden? Was soll ich sagen von den erschreckend um sich greifenden Perversitäten, dem weißen Sklavenhandel, der Engelmacherei, dem Rückgang der Geburten? Was von den Schönheitsabenden, den obszönen Tänzen? Ist doch die Klage allgemein: So kann es nicht weiter gehen! Woher nun der Jammer? Die Bildung, weltliche Kultur, nahm doch zu! Ja, aber die Religion mit ihren Ewigkeitsgedanken nahm ab, die Welt vergaß das Schriftwerk: »Denk, o Mensch, an deine letzten Dinge, und du wirst in Ewigkeit nicht sündigen!«
Nicht alle hat die Religion vom Bösen abgeschreckt; aber wer wollte es leugnen, daß sie allein es war, die auf die Massen aller Zeiten den sittigendsten Einfluß ausübte? Die Furcht vor den Göttern oder Gott war es, die in allen Gesetzbüchern anklingt und dem Leben Halt bot. Habe ich keinen Himmel zu hoffen, keinen Gott zu fürchten, auf kein Weiterleben nach dem Tode zu rechnen, was soll mich dann abhalten, mich hienieden ganz auszuleben und durchzusetzen?
Man gibt vor, der Menschheit einen Dienst erweisen zu wollen, indem man sie von der Angst vor der Hölle befreit. Ja, man läßt alle Leidenschaften von der Kette los und hetzt sie auf die Menschheit, man richtet wieder ein Henkermahl an, wie zur Zeit der französischen Revolution; ist das eine Wohltat? Man löscht das Licht aus, das die unheimlichste Klippe aufdeckt, man verschließt dem Menschen den Weg zum wahren Glück, ist das eine Wohltat? Man reißt die Warnungstafel am Abgrund, die Barrieren an der Bahn nieder, den Totenkopf an der Giftflasche herunter – um dem Menschen die Furcht zu nehmen; ist das wirklich weise und edel gehandelt?
Wenn es eine Hölle gibt, da sollte es menschenfreundlich sein, diesen Abgrund zu verdecken und alle auf den Weg zu locken, dessen Abschluß Verderben ist? Dann war auch die Tat des Rattenfängers von Hameln der menschenfreundlichsten eine. Nein, das ist grausam. Menschenfreundlich ist es von der christlichen Ethik, wenn sie sich den im Sinnesrausch dahin Tollenden mit der roten Signallampe entgegenstellt und ein unerbittliches »Halt, nicht weiter!« zuruft.
Wer verurteilt nicht den grausamen Nero, der seiner eigenen Mutter eine herrliche Barke baute, sie eines Abends auf das Schiff lockte und auf hoher See eine verborgene Falltür öffnete, so daß die Mutter in den Wogen versank? Handelt die Diesseitsethik nicht grausamer? Sie stattet der Menschheit ein bequemes, sehr bequemes Schiff zur Fahrt des Lebens aus, sie musiziert und tanzt – aber das Schiff birgt eine unheimliche Gefahr in sich: die Falltür, und sie heißt Tod – und das Ende – Ewigkeit. Ist es nicht grausam, darüber hinwegzutäuschen?
Wohl mag die Moderne die Ewigkeitsgedanken als lästig abweisen, die Ewigkeit selbst bleibt. Auch sie mag sich das Wort gesagt sein lassen, das einer der Makkabäischen Märtyrer zum gottvergessenen Antiochus sprach: »Du, Ruchloser, rühmst dich umsonst deiner Bosheit und deines Übermutes, denn noch nicht bist du entflohen dem Gerichte des allmächtigen und allwissenden Gottes«.